Von Spiel zu Spiel

+
Rettungsboot für die Verlorenen: Titus Lerners tiefblau gefärbte Arche im Seligenstädter Klosterhof.

Seligenstadt - Unser Raumschiff Erde scheint in Gefahr, zumindest als komfortable Behausung für alles Lebende. Allen Ernstes werden in Labors teure Forschungen angestellt, auf welchen Himmelskörpern man vielleicht leben könnte. Von Reinhold Gries

Dazu passt die Maya-Prophezeiung vom Weltende 2012. Derlei nicht erste allgemeine Verunsicherung und Ängste der Menschheitsgeschichte thematisiert das Ausstellungsprojekt „arche 2012“ in Seligenstadts Klosterhof und Galerie Kunstforum in großen und kleinen Plastiken sowie ergänzenden Zeichnungen und Malereien.

Betritt man den Klosterhof der ehrwürdigen Benediktinerabtei, so scheint er mit seiner gewachsenen, schützenden Räumlichkeit und seiner Flora selbst eine bergende Arche zu sein, die Menschen und Tier gern aufsuchen. Vor vieltürmiger Basilika öffnet sich quasi der Schoß der Kirche – eine Steilvorlage für den Schmerlenbacher Bildhauer Georg Hüter, der den idyllischen Hof in den 50ern noch als Schulhof erlebt hat.

„arche 2012“ bis 30. September in Seligenstadt. Öffnungszeiten: Altes Haus: Freitag, Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr; Klosterhof: täglich von 8 bis 20 Uhr.

Waagerechte und senkrechte Architekturlinien greift er in vier Westerwälder Basaltsäulen auf, von Mutter Erde fünf- bis siebeneckig geformt. Sie laden ein zum Anfassen rauer Oberflächen mit Flechten und Einschlüssen wie zum Vergleich mit ausgesägten, glattpolierten Innenflächen. „Bildhauerei ist Arbeit an Proportion und Raum“, bringt HfG-Dozent Hüter das auf einen Nenner: eine elementare Steingruppe, deren stiller, archaischer Rhythmus keines Kommentares bedarf.

Auch Madeleine Dietz´ massiver Rundbogen aus Stahl und Bausteinen aus getrockneter Erde will keineswegs flüchten aus diesem Garten Eden, obwohl die Landauer Künstlerin der Skulptur den Titel „Nicht mehr hier“ gegeben hat. Ein Triumphbogen ist das nicht, wie auch ihre Kuben aus Stahl und Stein im Alten Haus keine prachtvollen Schreine sind. Sie setzt kaltem Metall das lebendige Prinzip unebener Erde gegenüber. Ähnliche Botschaften verkörpern Ingrid Hornefs konstruktiv-konkrete Bildhauereien, die sich in Stein und Holz mit dem Verhältnis von Linie, Fläche und Raum befassen. Ihr auf drei Stelzen im Boot ruhender schwarzer Kubus mit der Aufschrift „We are saved“ wirft die Frage auf, die schon manchen Bibelleser beunruhigte: Was wurde und wird eigentlich aus anderen, zur Rettung nicht auserwählten Geschöpfen?

Sollen wir Wesen uns in einladende Rettungsboote werfen, wie sie Titus Lerner in Öl gemalt, in Bronze gegossen oder dichtgedrängt in tiefblaue Arche gepfercht hat? Sollen wir uns in der Art des Raumschiffes Enterprise wegbeamen wie bei Nicolas Kerksiecks „Habitate“-Modell für eine Termitenbesiedlung des Marses?

Oder sollen wir in die Lüfte steigen wie Otmar Hörls Kunst-Tauben, die in ihrer Unbeweglichkeit allerdings keine Konkurrenz aufnehmen können mit Täubchen des alten Verschlags daneben. Beim Betreten wirkt Hörls begehbare, transparente Tauben-Installation „Scout I“ als Station fliegender Kundschafter eher wie ein hochsommerliches Treibhaus. Ins Schwitzen oder Frieren geraten Hörl-Skulpturen erkundende Besucher im Kunstforum inmitten bedrohlicher Raketen-Landschaft vor unverständlichen Formeln, die Wissenschaftlichkeit vorgaukeln. Was Nicht-Physiker verstehen, ist die Reminiszenz an irrsinnige Fulda-Gap-Raketensprengköpfe, massenweise um die Rhön gepflanzt.

Angesichts diverser Fluchtgedanken gibt es auch Dokumente ironischer Regression wie in Nicolas Kerksiecks weißer Kiste im Park als „Letzter Ort der Glückseligkeiten“. Christian Rösners Mensch-Boot-Szenerien oder Lerners körperlose blaue Köpfe spiegeln Ratlosigkeit. Vielleicht sollte man es bei der Rettung der Erde handhaben wie im Fußball: von Spiel zu Spiel denken, eine Aufgabe nach der anderen angehen – und wirklich lösen.

Quelle: op-online.de

Kommentare