Späte Entdeckung des frühen Opfers

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Susanne Serfling als Tonami und Oleksandr Prytolyuk als Genzo singen in John Dews Darmstädter Inszenierung.

Darmstadt - Die streng formalisierte Darstellung des japanischen Nô-Theaters gibt der Uraufführung den szenischen Rahmen, die Musik erinnert an Claude Debussy, das Sujet liegt ganz im ostasiatischen Rezeptions-Trend des frühen 20. Jahrhunderts. Von Axel Zibulski

1913 komponierte Carl Orff (1895-1982) sein erstes Musikdrama; seinerzeit blieb „Gisei (Das Opfer)“ in der Schublade, später distanzierte sich der Komponist von seinem Jugendwerk. Erst jetzt, 97 Jahre nach Entstehung, wurde „Gisei“ im Staatstheater Darmstadt uraufgeführt. Intendant John Dew koppelte das gut einstündige Jugendwerk mit Orffs letztem Bühnenstück, dem 1973 bei den Salzburger Festspielen erstmals gezeigten „Spiel vom Ende der Zeit“ (De temporum fine comoedia).

In „Gisei“ hat Orff noch nicht seine charakteristische Musiksprache, seinen rhythmisch harten, von einem Sprechgesang-Duktus geprägten Musikstil gefunden. Seine späteren Werke, etwa „Oedipus“ und „Antigone“, wollen viel mehr Versuche zur Neubelebung des antiken Theaters als tatsächlich Opern sein. In „Gisei“ hingegen gibt es noch weite melodische Linien, die Instrumentierung immerhin wirkt bereits konzentriert, kaum überladen. Den Text zu seinem im Dauer-Adagio gehaltenen ersten Musiktheater hat Orff selbst geschrieben, frei nach dem japanischen Drama „Terakoya“ (Die Dorfschule).

Um das Opfer eines Kindes geht es, das der Dorflehrer Genzo mit seinem Sohn bringen soll; er tauscht ihn gegen einen anderen Jungen aus, der dann doch das richtige, eine Untreue zum früheren Kanzler sühnende Opfer ist – eine reichlich verschränkt angelegte Geschichte. Sich aufdrängende Fragen wie jene nach der Schuld der Beteiligten werden nur gestreift; ein Drittel des Dramas machen bereits das Vorspiel und die Vorgeschichte aus.

Nächste Vorstellungen am 5., 20. und 28 Februar.

Regisseur Dew zeigte die späte Uraufführung werkdienlich im farben- und kostümstarken Gewand des japanischen Nô-Theaters; Orff selbst dürfte eher das japanische Puppenspiel vor Augen gehabt haben, für das „Terakoya“ gedacht war. Der schematische Bühnenaufbau (Heinz Balthes), die asiatisch-farbüppigen Kostüme (José-Manuel Vázquez) bedeuten eine so ruhige wie prächtige Ausstattung der Uraufführung, die von der Witwe Carl Orffs nach Darmstadt vergeben worden ist; sie ließ Dews Orff-Schwerpunkt nach Inszenierungen der „Carmina burana“, aber eben auch der Wiederentdeckung von „Antigone“ und „Oedipus“ noch einmal spektakulärer werden.

Eine feine Klammer zur Uraufführung von „Gisei“ setzt Dew in der Wiedergabe von „De fine temporum comoedia“. An dessen Ende lässt Orff nach reichlich archaischer Rhythmik einen melodischen Bratschen-Kanon anstimmen; in Darmstadt wird er aus der Aufnahme der von Herbert von Karajan geleiteten Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1973 eingespielt. Zuvor hat Dew das letzte Bühnenwerk Orffs mit reichlich Nebel und Rotlicht aufgeladen, mag auch die eingangs gezeigte Untergangs-Prophetie der Sibyllen heutigen Zuhörern in der spröden Tonsprache des reifen Komponisten kaum näher liegen als das Jugendwerk.

Musikalisch war die Aufführung der beiden Werke mehr als beachtlich. Nahezu das ganze Opernensemble, Chor und Extrachor setzten sich dafür so sorgfältig ein wie Generalmusikdirektor Constantin Trinks: Er konnte „Gisei“ dezent schlank und sinnlich, das „Spiel vom Ende der Zeit“ mit den nötigen Härten, aber nie plakativ und dabei rhythmisch stets hoch präzise vom Orchester abrufen. Das Ergebnis waren „Bravo“-Rufe für alle Beteiligten.

Quelle: op-online.de

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