Spiegelbilder der Konsumkultur

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Vor 85 Jahren kam der US-Künstler Andy Warhol zur Welt. Der Grafiker revolutionierte den Kunstbetrieb und schuf Legenden mit plakativer Aura

Offenbach Die Popularität des vor 85 Jahren - am 6. August 1928 - in Pittsburgh geborenen und am 22. Februar 1987 in New York gestorbenen amerikanischen Künstlers Andy Warhol ist ungebrochen. Von Reinhold Gries

Das zeigt sich nicht nur an Höchstpreisen für seine Maltafeln, Siebdrucke und Objekte, die ab 1965 auf dem Kunstmarkt als Sensation gefeiert wurden, obwohl sie oft in seiner New Yorker „Silver Factory“ von Mitarbeitern in Serie gefertigt wurden. In Warhols diversen als Atelier, Filmstudio, Wohnung und Partylocation dienenden Hallen, in denen Stars wie Bob Dylan oder Mick Jagger ebenso ein- und ausgingen wie Maler Salvador Dali oder Fluxus-Künstler Marcel Duchamp, blieb Raum für Selbstinszenierung und Business. Auch für Warhol selbst, den Sohn armer slowakischer Einwanderer, der sich mit Silberperücke und Sonnenbrille gleichzeitig stylte und tarnte. Mitarbeiter erklärte er zu „Superstars“ wie von ihm dargestellte Pin-up-Girls, Campbell-Dosen, Politiker oder Rock-Idole.

Wer über die Pop-Art der 60er/70er spricht, hat farbstarke Serien zu Marilyn Monroe, Liz Taylor, Jackie Kennedy oder Elvis Presleys vor Augen. Mit Mitteln der fotografischen Übertragung, des Siebdrucks und der Tontrennung schuf Warhol Legenden mit einer ungewohnt plakativen Aura. Auch in andere Sujets übernahm der damals bestbezahlte Grafikdesigner Manhattans die oberflächliche, aber effektvolle Ästhetik der Medien- und Konsumwelt, um deren Verführungsstrategien zu spiegeln. Unsentimental stellte er dabei Katastrophen und Leid neben Sensationen, Alltagsgeschäft und Starglamour.

Freilich nehmen Warhols seriell gereihte Siebdrucke und Acrylgemälde Auto- und Flugzeug-Crashs in „Green Disaster # 2“ oder in comicstripartig aufgemachter Hinrichtung auf Elektrischem Stuhl auch den Schrecken. Wiederholung und Farbe unterstützen absichtlich herbeigeführte moralische wie ästhetische Leere. Das zeigen Großformate der Sammlung Ströher im damals dafür gebauten Museum für Moderne Kunst Frankfurt. Dort treffen Suppendosen der „100 Campbell´s Soup Cans“ und Brillo-Boxen auf gereihte Mal-Steckbriefe von „Most Wanted Man No. 11“ und „Thirty-Five Jackies“. Das MMK besitzt auch Bestände zu Warhols großen „Daily News“-Zeitungsbildern oder Platten-Cover. Vor dem „Dance Diagramm 1“ mit durchnummerierten Foxtrott-Tanzschritten wird das Bild zur Plattform für den Betrachter.

Der Weg von Warhols mechanischer Reihung der Motive zu fast unendlichen Sequenzen scheint nicht weit. Derlei Ästhetik - auch die Vereinzelung von Objekten - enthüllt ebenso viel über Massenprodukte und deren Herstellung wie über Konsumenten und deren Gewohnheiten. Da werden gebündelte Dollar-Noten oder ornamental wiederholte Coca-Cola-Flaschen auch zum angestrebten Zeichen der Gleichheit im „American way of life“, in dem der US-Präsident gleiche Produkte benutzt wie der kleine Mann. Ideen zur Vermarktung und Popularisierung von Kunst trieben den Künstler unentwegt um, auch mit billiger 16mm- oder Sofortbild-Kamera als Grundlage für seine Tableaus. Beim Sammeln und Zerschneiden von Zeitungen und Journalen empfand er Lustgewinn statt Langeweile. Innere Leere war dagegen bei Stunden dauernden Streifen mit einer einzigen Kameraeinstellung erwünscht. Neben solcher Entschleunigung gab es freilich auch schonungslose Dokumentationen von Psychosen, Exhibitionismus oder Drogenexzessen.

Quelle: op-online.de

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