Auf dem Spielbrett

Was ist dieser Michael Kohlhaas: Gerechtigkeitsfanatiker, Terrorist, Amokläufer? Einer, der nur das Gute will und doch das Böse schafft? Der Titelheld der Novelle Heinrich von Kleists lässt sich auch anders auffassen, als eine Art deutscher Hiob. Von Markus Terharn

Diese Lesart liegt der Bühnenfassung zugrunde, mit der das Theater Freiburg bei der Reihe „Theateressenz Offenbach“ im Capitol gastiert hat. Und der starke Schlussbeifall beweist: Diese Interpretation geht auf!.

Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind wirklich welche. In Uli Jäckles Inszenierung bilden sie Kulisse (Thomas Rump) und Requisite zugleich. Erstaunlich, was sich mit ein paar Holzlatten machen lässt: Sie sind Mauer oder Tisch, Schwert oder Schild. Geradezu halsbrecherisch turnen die Schauspieler, 13 an der (Unglücks-) Zahl, mit ihnen herum. Zu Roman Kellers Musik ist das aufwändig durchchoreografiert. Der Actiongehalt ist hoch, der Schauwert beträchtlich, die Kostüme (Elena Antolevna) sind angemessen verwegen.

Aus verletztem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder

Auch als Spielbrett ist diese Anordnung zu begreifen. Der Menschenversuch funktioniert so: Wieviele Schläge kann ein Mann einstecken, bis er zurückschlägt? Kohlhaas, der aus verletztem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird, bekommt wieder und wieder aufs Haupt. Er ist eher Getriebener als Treibender. Und was bei der Lektüre des Textes kaum auffällt, sticht bei dieser Adaption ins Auge: So grotesk, regelrecht absurd ist manche Situation, dass gelegentlich gar Komik aufblitzt.

Die dramaturgische Konstruktion klingt kompliziert, ist aber schlüssig: Jene Szene, in der die Zigeunerin dem sächsischen Kurfürsten die Zukunft weissagt, ist an den Anfang gestellt. Am Ende, wenn sich für Kohlhaas sein Schicksal erfüllt, hat sich der Kreis geschlossen.

Virtuos geht Prosa in Dialog über

Kleists Sprache, anders als in seinen Dramen weit entfernt von der Realität zur Entstehungszeit (nach 1800) oder zur Zeit der Handlung (16. Jahrhunderts), wird geschickt in die Gegenwart gerettet und um moderne Einsprengsel bereichert. Der Kunstgriff: Kohlhaas’ Frau Lisbeth, die auf halber Strecke stirbt, führt als Erzählerin durch die eindreiviertel Stunden. Virtuos geht Prosa in Dialog über.

Dank Mikroports bleiben die Darsteller noch im dicksten Getümmel verständlich. Das gilt auch für Nicola Fritzen, der die Hauptfigur eingangs fast als stillen Dulder anlegt. Obwohl ihm fraglos Unrecht widerfahren ist, sucht er seinen Widersacher fast zu entlasten. Als das scheitert, beschreitet er den Beschwerdeweg. Und erst als keine Instanz ihm seine Genugtuung schafft, nimmt er das Gesetz in die Hand. Selbst dann zeichnet Fritzen ihn nie als den Eiferer, als den man ihn ja sehen könnte. Als Lisbeth, als Zigeunerin und als Erzählerin wartet Rebecca Klingenberg daneben mit hoher Wandlungsfähigkeit auf.

Massenszenen am wirkungsvollsten

Viele Darsteller sind mit mehreren Rollen betraut. Frank Albrecht mimt den jämmerlich geschundenen Knecht so überzeugend wie den arroganten Kurfürsten von Sachsen. Als Kurfürst von Brandenburg ist Ueli Schweizer von Adel, als Wächter einer aus dem Volk. Albert Friedl ist mal der brutale Junker Tronka, mal der der salbungsvoll vermittelnde Martin Luther. Humor bringt Julius Vollmer als fröhlicher Überbringer schlechter Nachrichten ein.

Am wirkungsvollsten geraten jedoch die Massenszenen. Dafür hat sich Regisseur Jäckle einiges einfallen lassen – ob das die vier Schreiber sind, die mit riesigen Federn ein Ballett der Bürokratie aufführen, oder die Kämpfe, bei denen es richtig zur Sache geht. Das Ergebnis präsentiert sich als geschlossene Ensembleleistung.

Quelle: op-online.de

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