„Da spinnt er, der Korinther“

+
Wenn das Orakel von Delphi Gospelklänge anstimmt, ein blinder Seher als Stevie-Wonder-Verschnitt mit Ray-Ban-Brille rappt und sich die blutrünstige Sphinx als putziger Plüschlöwe entpuppt, kann nur einer am Werk sein: Bodo Wartke.

Offenbach - Wenn das Orakel von Delphi Gospelklänge anstimmt, ein blinder Seher als Stevie-Wonder-Verschnitt mit Ray-Ban-Brille rappt und sich die blutrünstige Sphinx als putziger Plüschlöwe entpuppt, kann nur einer am Werk sein: Bodo Wartke. Von Maren Cornils

Schon in den Vorgängerprogrammen „Noah war ein Archetyp“ und „Achillesverse“ zeigte er, dass sich mit Lyrik und Musik massentaugliches und zugleich geistreiches Programm machen lässt – und schuf die Gattung des Klavierkabaretts. Nun hat sich Wartke mit „König Ödipus“ eines Stoffs aus der griechischen Mythologie angenommen und daraus einen Solo-Abend geschmiedet. Obwohl sich der Berliner eng an Sophokles’ Tragödie hält: Die Zuschauer im Capitol Offenbach erwartet kein angestaubtes Schauspiel um den Vatermörder. Wartke wäre nicht Wartke, hätte er den Ödipus nicht aufgepeppt.

Herausgekommen ist eine lässige Version für die Generation Web 2.0, die humorlosen Altphilologen ob des despektierlichen Umgangs mit antikem Material die Haare zu Berge stehen ließe, aber beweist: Literatur kann Spaß machen! Das ist keinem stärker anzumerken als dem bestens aufgelegten, wandlungsfähigen Darsteller.

„Wahrscheinlich hatten sie nie das Orakel konsultiert. Sonst wüssten sie, dass Kinderkriegen auch ganz anders funktioniert!“, reimt Wartke über die Adoption des Ödipus durch Polybos und Merope, um fortzufahren: „Da spinnt er, der Korinther.“ Doch nicht nur der Versform bleibt Wartke im Verlauf des mehr als zweistündigen Dramas treu. Immer wieder versteckt er Sprüche aus „Götz“ und „Erlkönig“, „Hamlet“ und „Othello“ oder „Asterix“ in seinen Monologen. Sophokles-Kenner kommen ebenso auf ihre Kosten: In Wartkes Bearbeitung findet sich das eine oder andere Originalzitat.

Wartke rappt, was es das Zeug hält

Zwei Stunden lang wechselt Wartke scheinbar mühelos und sekundenschnell die Rollen. Gibt mal den coolen, ein wenig tumben, mit Baseballkappe auf modern getrimmten Ödipus („Yo, Man, was geht ab, Alter?“). Um blitzschnell in die Rolle des blinden Teiresias oder des genervten Orakels („Sie rufen außerhalb der Sprechzeiten an“) zu schlüpfen oder sich gar in einem imaginären Duell mit dem leiblichen Vater Laios gestikulierend über die Bühne zu prügeln.

Musikalisch beweist Wartke mehr als einmal seine Vielseitigkeit. Er greift in die Tasten, um eine swingende Intro anzustimmen. Rappt, was es das Zeug hält, schiebt nebenbei eine Hommage an Sergio Leones Italo-Western ein. Fordert sein Publikum zu hymnischem Gospelgesinge auf und beweist mit der Mundharmonika, dass man auch im alten Theben den Blues haben kann.

„König Ödipus“ ist ein extrem temporeiches, gnadenlos komisches Solotheater, das vom Einfallsreichtum seines souveränen Darstellers lebt. Wartke gelingt es, eine 2500 Jahre alte Tragödie in ein Kabarettprogramm zu verwandeln, das – getreu der antiken Definition – das Publikum fesselt und begeistert!

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare