„Briefe eines reisenden Franzosen“

Ein Spötter aus Höchst

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Riesbecks „Briefe“ nun in einem prächtigen Folioband

Frankfurt - Der „reisende Franzose“ war zu Goethes Zeiten ein geflügeltes Wort. Es spielte auf einen zweibändigen Reisebericht über Deutschland an, der 1783 erschienen war und sich rasch zu einem Bestseller in etlichen europäischen Ländern entwickelt hatte. Von Christian Riethmüller

Der Anonymus, von dem dieses gelehrte Buch stammte, war allerdings kein Franzose, sondern ein Hesse aus Höchst.

Johann Kaspar Riesbeck hieß dieser Mann, der 1754 im damals noch nicht zu Frankfurt gehörenden, sondern selbstständigen Höchst als Sohn eines Webers und Schnupftuchfabrikanten geboren worden war. In Vorbereitung auf eine Aufgabe im höheren Verwaltungsdienst studierte er ab 1768 in Mainz. Dort kam er in Kontakt mit den aufklärerischen Strömungen jener Zeit. Aus der Verwaltungskarriere im Kurfürstentum wurde allerdings nichts, wohl weil Riesbeck ein unbeherrschter Charakter war. Er musste Mainz verlassen und führte fortan ein unstetes Leben als Schauspieler, Autor und Übersetzer. Er kam gut herum in Deutschland (meist zu Fuß), gelangte nach Berlin und Dresden, nach Stuttgart und München, nach Prag, nach Salzburg und Wien, wo er zwei Jahre lang lebte, nach Hamburg und bis Dänemark

1779 soll dann das väterliche Erbe aufgebraucht gewesen sein und Riesbeck brauchte eine Arbeit. „Er musste auf eignen Erwerb denken, und wählte dazu das mühsame und undankbare Geschäft eines Schriftstellers“, notierte sein Freund und Biograph Johann Pezzl.

Erster feste Redakteur der „Zürcher Zeitung“

1780 ging Riesbeck nach Zürich, wo er der erste feste Redakteur der neugegründeten „Zürcher Zeitung“ (heute bekannt als „Neue Zürcher Zeitung“) wurde. Für diese Position war Riesbeck eigentlich wie geschaffen: Er beherrschte mehrere Sprachen und kannte sich mit Geographie und Politik aus. Nur seine „Temperamentshitze“ verstand er nicht zu kühlen, weshalb sich schon bald Proteste seiner Spottlust wegen regten. Nach zwei Jahren war daher das Engagement bei der Zeitung beendet. Neben vielerlei Übersetzungstätigkeiten hatte Riesbeck da schon angefangen, über seine Reisen durch Deutschland zu schreiben. Diese Berichte voller plastischer Landschaftsbeschreibungen, genauer Städteporträts sowie ironischer Seitenhiebe gegen Landesherren und Geistlichkeit bündelte er unter dem Titel „Briefe eines Reisenden Franzosen über Deutschland An seinen Bruder zu Paris“, die er anonym 1783 in Zürich verlegte. An Riesbeck erinnerten nur die Initialen des vermeintlichen Übersetzers auf dem Titelblatt: K.R.

Trotz seiner weiten Verbreitung - die „Briefe“ erschienen in Übersetzung auch in Frankreich, England, Irland, Holland und Schweden - ist Riesbecks Hauptwerk ebenso in Vergessenheit geraten wie sein 1786 im Alter von nur 32 Jahren an Tuberkulose gestorbener Urheber. Seit 1790 sind die „Briefe“ nur noch in Auszügen veröffentlicht worden.

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen, Die Andere Bibliothek, Berlin, 681 Seiten. ISBN 987-3-8477-0012-8 Einführungspreis bis 21. Dezember 2013: 79 Euro, danach 99 Euro.

Doch nun ist dieses bemerkenswerte Stück Literatur, diese Pioniertat des Reisejournalismus, wieder erhältlich. Und dies in einer Ausgabe, die gewiss zu den schönsten Büchern in diesem Jahr zählt. Magdalena Krumbeck hat für Die Andere Bibliothek einen wunderbaren Folioband voller farbiger Illustrationen und mit vielen zeitgenössischen Stichen, Karten und Abbildungen von Städten gestaltet. Sie lassen ebenso Geschichte lebendig werden, wie Riesbecks unterhaltsame Berichte, die von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz in Orthographie sowie bei den Personen- und Ortsnamen behutsam heutiger Schreibweise angepasst wurden. Ein Kommentar mit vielen, fürs Verständnis hilfreichen Hinweisen und Erläuterungen sowie ein Dossier über Riesbecks Biographie runden diese verlegerische Großtat ab, die einen bedeutenden deutschen Aufklärer und einen überaus lesenswerten Autor aus der Vergessenheit rettet.

Quelle: op-online.de

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