Filigrane Buchkunst und zarte Papierarbeiten

Sprachpoetinnen berühren Seelen-Saiten

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Seidenfahnen von Tanja Leonhardt

Offenbach - Große farbige Seidenfahnen, bedruckt mit Lettern und Tierfiguren, reagieren auf leisesten Luftzug. Salzkristalle blühen in präpariertem Papier und verflüchtigen sich in kräuselnden Rändern. Von Reinhold Gries

Versalien türmen sich etagenartig zu transparenter Säule, hunderte von Buchstaben schweben wie an Fallschirmen im Raum. Das ist die oft hauchzarte Welt, die vier Künstlerinnen ins Offenbacher Klingspor-Museum gezaubert haben.

Da gibt es zuerst die Künstlerbücher der Kölnerin Nora Schattauer, in ihrer Mixtur aus Grafischem, Malerischem und Fotografischen entstanden im Irgendwo zwischen Wissenschaftslabor und Alchemistenstube. Wenn in Unikatbüchern und „Heften“ Buchstaben und Zeichen durch Doppelblätter hindurchscheinen, lohnt genaues Hinsehen. Auch wenn Schattauers Salze mit Papier reagieren und erblühen. Dazu hüllen Umschlagkartons Fadengeheftetes im DIN-A-5-Format, oft mit Schwarzweißfotokopien oder mit Handzeichnung arbeitend. Zwischen Gespinsten, Verästelungen und Konzentrationen ihrer „Zeichnungshefte“, „Versuchsreihen“ oder „Grau-Blau-Büchern“ kann man hin- und herblättern, ohne den Kontext zu verlieren: die Visualisierung des Mikro- wie Makrokosmischen.

Hattesens Lyrik-Säule

Auch die Groß-Gerauerin Tanja Leonhardt verlässt angestammte Kalligraphie, die sie bei Pamela Stokes erlernte, und setzt Texte und Figuren auf Seide Kräften der Natur aus. Und das an geheimnisvoll wirkenden Orten im Wald, an Teichen und Seen oder an Wracks und Steilküsten Schottlands. Die Seide mit dem Gedruckten und Geschriebenen wird damit zum Teil der Landschaft. Fotoarbeiten veranschaulichen das ebenso wie ihre Videos, in denen in Seidensprache übersetzte Eidechsen, Libellenlarven und Käfer zwischen Wurzelwerk, Bächen und Wasserfällen unwirkliche Stimmungen erzeugen. Das Motto „Hinter der Schrift flüstern die Dinge“ verdichtet sich auch in großformatigen „Distelbüchern“, „Kranichbüchern“ und Motivseiten aus gefärbtem Japanpapier. Das mit Schnürsenkel gebundene „Samurai-Requiem“, Hängebücher aus Pongé-Seide oder Günter Eichs Gedicht „Ende eines Sommers“ sind jenseits des Üblichen.

„Time past long“, das Poem des Lyrikers Percy Bysshe Shelley hat sich die Wiesbadenerin Gabrielle Hattesen vorgenommen, um es gedruckt und auf transparente Ebenen geklebt zum Turm werden zu lassen. Für ihre Art, Lyrik zu durchleuchten, schreibt sie den Text mit der Hand, um ihn auszuschneiden und in hellen wie dunklen Versionen in durchsichtigem Zylinder abzuspeichern. Das korrespondiert mit filigranen Flugkörpern der Wiesbadenerin Ingrid Heuser, die im Nebenraum feinste Schattenspiele erzeugen. Der Pollenflug ihrer zahllos schwebenden Buchstaben basiert auf Christoph Meckels Betrachtung: „Brennesseln, trocken und staubig, die brennenden Blätter; nüchterne Fülle, der Vergeblichkeit gewidmet wie Mohn - aber der Mohn hat das Glück zu leuchten im Sommer…“. Vier Sprachpoetinnen haben sich gefunden, um feinste Saiten unserer Seele zum Schwingen zu bringen.

‹ „…nur von Augenblickes Dauer“ bis 7. Juli im Offenbacher Klingspor-Museum. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr

Quelle: op-online.de

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