Ein Staat geht am Stock

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Zwölf Schauspieler sind in 31 Rollen zu sehen, dabei konzentriert sich John von Düffels Fassung auf das vermeintlich Wesentliche.

Das alte Dresden geht am Rollator. Trägt Perücke oder Akkordeon. Und schwadroniert über die „süße Droge Gestern“, wie der greise Schauspieler Zygmunt Apostol immer wieder sagt, wenn er über die Bühne im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters streift. Von Axel Zibulski

Er gibt dem „alten Dresden“ Figur, viele andere Personen aus Uwe Tellkamps knapp 1 000 Seiten starkem Roman „Der Turm“ hingegen wurden gestrichen in dieser Bühnenfassung, die John von Düffel für Wiesbaden erstellt hat.

Als zweite deutsche Bühne zeigt das Hessische Staatstheater eine Dramatisierung des Erfolgsromans, wenige Wochen nach dem Staatsschauspiel Dresden. Dort, im bürgerlichen Villenviertel Weißer Hirsch, spielt Tellkamps Bestseller. Die letzten Jahre der DDR passieren Revue, im Zentrum steht der Schüler, Arztsohn und spätere NVA-Soldat Christian Hoffmann. Tellkamps Roman ist ein Kosmos, der Literaturbetrieb der späten DDR spielt eine Rolle, die nur vage Kritik des Bürgertums an den sozialistischen Verhältnissen, die sich höchstens in verschämt erzählten Witzen auf Geburtstagsfeiern entlädt. In der gut zweieinhalb Stunden dauernden Bühnenfassung können davon naturgemäß nur Ausschnitte bleiben.

Darsteller streuen in 31 Rollen Prosatext ein

Regisseur Tilman Gersch verzichtet weitgehend auf Lokalkolorit. Nur vereinzelt fallen die Personen um Christian, seine Eltern und den feinsinnigen Onkel Meno Rohde (Jörg Zirnstein) ins Sächsische. Statt Villen stehen Säulen mit Klappen und Nischen auf der Bühne von Ariane Salzbrunn. Weniger Schnelldurchgang durch den Roman als strenge Auswahl der durchaus breit erzählten Szenen prägen die Dramatisierung.

Vereinzelt streuen zwölf Darsteller in 31 Rollen Prosatext ein. Hauptfigur Hoffmann etwa, den Michael von Burg so jungenhaft wie verletzlich zeichnet, darin ähnlich, vielleicht zu ähnlich seinem Vater Richard, dessen Frau Vera von Doreen Nixdorf wie eine Randfigur gespielt werden darf. Denn ihre Hinwendung zur Bürgerbewegung wird allein in den letzten Minuten verhandelt. Und das bleibt viel zu kurz, vor allem, weil Christians NVA-Erlebnisse zuvor in aller Breite, mit militärischen Ritualen und Trillerpfeifen gezeigt wurden.

Nächste Vorstellungen am 2., 10., 18. und 26. Dezember. Karten unter Tel. 0611 132325

Neben diesen Unausgewogenheiten verpasst es die Bühnenfassung vor allem, das Drama als solches zu legitimieren. Das Buch mag als Roman singuläres Literaturzeugnis der späten DDR sein; auf der Bühne wäre, was im ebenfalls gern bürgerlich-gestrigen Wiesbaden nicht so fern liegt, zu zeigen, was „Der Turm“ heute mit uns zu tun hat. Mit Trillerpfeifen und DDR-Witzen gelingt das nicht. Und darum bleibt man besser beim grandiosen Original.

Quelle: op-online.de

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