„Tristan und Isolde“ im Staatstheater Darmstadt

Schablonenhafte Filmküsse im Walle-Nebel

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Ralf Lukas (Kurwenal), Andreas Schager (Tristan), Ruth-Maria Nicolay (Isolde), Erica Brookhyser (Brangäne)

Darmstadt - Die „Handlung in drei Aufzügen“ ist schnell erzählt: Ein heimlich eingetauschter Liebestrank ist im Spiel, als Tristan und die irische Königstochter Isolde auf dem Schiff nach Cornwall zusammenkommen.Von Axel Zibulski

Cornwalls König Marke versteht die Liebe der beiden als Verrat seines Vasallen Tristan. Der fiebert, im Kampf verwundet, der Ankunft Isoldes auf seiner Burg Kareol entgegen. Fünf Stunden, zwei Pausen eingeschlossen, dauert Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Sofort vergessen sei die Inszenierung, dieses als Werktreue missverstandene Konglomerat von Kitsch und Konvention, das John Dew, Intendant des Staatstheaters Darmstadt, jetzt neu auf die Bühne seines Großen Hauses gestellt hat. Oder genauer: Diese Ausstattung von Heinz Balthes (Bühne) und José-Manuel Vázquez (Kostüme), in der bürgerliches Mobiliar wie aus der Zeit der Uraufführung der Oper (1865 in München) mit den Darstellern um die Wette und manchmal auch im Walle-Nebel steht. Vier Menschen nur sind zu sehen im ersten Akt, Tristan und sein Gefolgsmann Kurwenal, Isolde und ihre Dienerin Brangäne. Junger Seemann (Minseok Kim) und Herrenchor singen aus dem Off.

Doch selbst aus der Ferne singen sie so gut, wie es in dieser musikalisch umso großartigeren Darmstädter Neuproduktion von „Tristan und Isolde“ fast allen Darstellern in der Premiere gelingt. Sie beweisen somit, welches musikalische Potenzial sich das Darmstädter Haus trotz der harten Querelen während der Intendanz John Dews bewahrt hat, die mit der laufenden Spielzeit endet.

Edel-geschliffene Höhen

Gemeinsam mit dem Staatsorchester Darmstadt erzählt Interims-Generalmusikdirektor Martin Lukas Meister über die Distanz von fünf Stunden die Geschichte von Tristan und Isolde fein ziseliert, klar getönt und changierend gefärbt, wie im kontrollierten Rausch dennoch, den einzig im ersten der drei Akte allzu gemäßigte Tempi punktuell ausbremsen. Meister, der vor einem Jahr kurzfristig die Zwischen-Nachfolge des entlassenen Dirigenten Constantin Trinks übernahm, legt mit diesem „Tristan“ eine große Leistung vor, die allein bereits hörenswert wäre.

Hinzu kommt: Darmstadt hat einen jungen, zurzeit noch als Geheimtipp viel gefragten Wagner-Tenor engagieren können. Der Österreicher Andreas Schager singt, parallel zum „Ring“-Siegfried in Halle und zur „Rienzi“-Titelpartie in Riga, den Darmstädter Tristan. Und das gelingt ihm mit so edel-geschliffenen Höhen, mit so mühelosen Registerwechseln samt berückender Natürlichkeit des Ausdrucks, dass man sich höchstens fragt, wie lange diese Intensität des Wagner-Gesangs gut geht. Die feinen Brüche in einzelnen Haltetönen des dritten Akts, dessen Fieberträume Schager freilich zu traumhaft glänzendem Klang formt, sollte er selbst wahrgenommen haben. Ruth-Maria Nicolays Isolde lässt solche sanft sorgenvollen Gedanken nicht aufkommen, so dramatisch wuchtig und doch kontrolliert, wie sie singt – freilich auch nicht so psychogrammatisch fein wie Schager, der mit Ralf Lukas als Kurwenal einen erfahrenen Wagner-Interpreten, in Bestform zumal, neben sich weiß.

Wie beachtlich, dass sich im Darmstädter Ensemble Erica Brookhyser zur glühenden, opulent und strömend singenden Brangäne entwickeln konnte. Vielleicht der Tagesform ist Thomas Mehnerts Ausfall in Sachen Geschmeidigkeit geschuldet, der Mehnerts König Marke prägt. Muss er doch aber auch mit ansehen, wie Regisseur John Dew den Tristan und die Isolde schrecklich schablonenhafte Filmküsse austauschen lässt.

Die nächsten Aufführungen sind am 1. und 28. Februar sowie am 9. und 29. März.

Quelle: op-online.de

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