Erstes Häppchen angerichtet

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Max Beckmanns (1884-1950) „Die Synagoge in Frankfurt am Main“ (1919) gehört zu den identitätsstiftenden Werken der Städel-Sammlung, die nun wieder zugänglich ist.

Frankfurt - Die Region hat „ihren“ Goethe wieder: Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Gemälde des Dichterfürsten in der römischen Campagna (1787) empfängt den Besucher am angestammten Platz im renovierten Gartenflügel des Frankfurter Städelmuseums. Von Carsten Müller

Die Rückkehr nicht nur dieses für heimische Kunstfreunde identitätsstiftenden Meisterwerks ist eine Wegmarke in der Geschichte des Museums. Tischbeins Goethe, auch ähnlich vertraute Werke wie Max Beckmanns Frankfurter Hauptbahnhof oder Auguste Renoirs Welle waren für die Dauer der Bauarbeiten auf Reisen gegangen und als Leihgaben nach Rom, Wellington und Lausanne gegangen,.

Nun sind sie zurückgekehrt an das Mainufer. Und die heutige Neueröffnung des für 18 Millionen Euro sanierten Gartenflügels markiert den Auftakt zu drei großen Neupräsentationen der Sammlung: Im Dezember öffnet der Bereich „Alte Meister (1300-1800)“ im Mainflügel des Altbaus seine Pforten, im Februar 2012 folgt die „Kunst der Gegenwart“ in einem neuen Erweiterungsbau. 50 Millionen Euro werden investiert.

Die Werken der klassischen Moderne im Städel

Städel: Klassische Moderne im renovierten Gartenflügel

Schon zuvor war der Gartenflügel den Werken der Klassischen Moderne vorbehalten. Nach historischem Vorbild wurden alte Sichtachsen wieder erschlossen, eine vergrößerte Wandfläche ermöglichte eine großzügigere Hängung, die den Oberlichtsälen angeschlossenen Kabinette sind räumlich geschlossener. Hinzu kommt ein neues Café mit Buchladen. Viel Geld wurde auch in die Substanz investiert, etwa in Brandschutz und den barrierefreien Zugang. Augenfällig wird der über eine zentrale Treppe in Verlängerung des Haupteingangs erschlossene Gebäudeteil an dem in Grau- und Blaustufen gefassten Farbleitsystem der Räume. Displays verweisen auch auf Mäzene und die Hintergründe ihrer Schenkungen.

Die Neupräsentation der zirka 200 Werke in 15 Räumen auf 1111 Quadratmetern Fläche ist laut Städel-Direktor Max Hollein Anlass für eine Neubewertung, die einen gefühlvollen Umgang mit der Vergangenheit voraussetzt. Sammlungsleiter Felix Krämer habe dies mit „Akribie, Einfühlungsvermögen, aber auch Mut“ in die Tat umgesetzt.

„Globalisierung ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts“

Für den Kurator war der Umbau des Hauses einmalige Chance und „Nullpunkt“ zugleich. Er habe sich lange Zeit ins Depot zurückgezogen, die insgesamt 1200 Skulpturen und Gemälde der Klassischen Moderne gesichtet und dabei neue Ansätze für eine Präsentation gefunden, die nationale Zugehörigkeiten ausblendet, stattdessen nach Gemeinsamkeiten sucht.

„Globalisierung ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts“, meinte Krämer mit Blick auf Tischbeins in Italien gemaltes Porträt des deutschen Dichters. So findet sich unter dem Titel „Sehnsuchtsorte“ neben Eugène Delacroix’ exotischer „Fantasia Arabe“ (1833) Andreas Achenbachs „Seesturm vor der norwegischen Küste“ (1837).

Gustave Courbets „Blick auf Frankfurt“ (1858) trifft auf die Werke seiner ebenfalls dem Realismus verpflichteten Frankfurter Ateliergenossen Victor Müller und Angilbert Göbel. Die aus „ähnlichem Impuls“ entstandenen Werke Max Liebermanns („Judengasse in Amsterdam“, 1908) treffen auf impressionistische Ikonen wie Claude Monets „Mittagessen“ (1886), Edouard Manets „Kricketpartie“ (1873), Paul Cézannes „Landschaft. Straße mit Bäumen im Felsgebirge“ (1870/71) und Vincent van Goghs „Bauernhaus in Nuenen“ (1885).

Edvard Munch und Henri Matisse waren Vorbilder der jungen „Brücke“-Künstler und haben sich zu Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner gesellt, dem ebenso ein separater Raum gewidmet ist wie Max Beckmanns „Welttheater“ in Skulptur und Malerei. Aufbruchstimmung zu Konstruktivismus und Kubismus vermitteln Picassos „Bildnis Fernande Oliviers“ (1909), August Mackes „Zwei Mädchen“ (1913), Alexej von Jawlenskys „Abstrakter Kopf: Sinfonie in Rosa“ (1929) und Lyonel Feiningers „Dorfteich von Gelmeroda“ (1922). Symbolisten und Surrealisten wie Marc Chagall („Man sagt, On dit: Der Rabbiner“, 1912), Paul Klee („Das Lamm“, 1920/39) und Max Ernst („Aquis submersus“, 1919) breiten im „Traumwandler“-Kabinett ihre Fantasiewelten aus.

„Jungen Frau im Korbstuhl“ (1933/34) ins Städel zurückgekehrt

In einem eigenen Raum wird erzählt, wie sich Künstler mit dem NS-Regime arrangierten, in innere Emigration gingen, das Exil suchten oder aus Deutschland flüchteten, einem schweren Schicksal entgegen, wie der jüdische Maler Hans-Ludwig Katz, dessen Werke als „entartet“ gebrandmarkt und zerstört wurden. So auch das 1925 angekaufte „Bildnis einer Frau“. Erst 2008 ist der Künstler durch den Erwerb der „Jungen Frau im Korbstuhl“ (1933/34) ins Städel zurückgekehrt – ein Stück Vergangenheitsbewältigung.

Vergessene oder weniger bekannte Künstler „hinzuzubitten“: Das war eins der Anliegen von Felix Krämer, der überzeugt ist, dass die entschlossen von einem Selbstporträt blickende Ottilie W. Roederstein, deren Lebensweg nach Paris und Hofheim im Taunus führte, neben einem Etablierten wie Edgar Degas bestehen kann. Krämers Aufsehen erregende Entdeckungen des „Heiligen Hieronymus“ (1874) des französischen Malerfürsten Jean-Léon Gérôme sowie Kirchners „Akt im Atelier (1910) sind ebenfalls in die Präsentation aufgenommen worden wie das Medium Fotografie.

Diese Gattung sei zu Unrecht aus dem Blickfeld geraten, meint Krämer. Angesichts von Exponaten wie David Octavius Hills „Bildnis des Porträtmalers Robert Frain“ (um 1845), Édouard Baldus’ Architekturfotografie und Ägypten-Aufnahmen von Francis Frith mag man uneingeschränkt zustimmen. Den Reigen fotografischer Pioniertaten setzen Alfred Stieglitz’ Bildnis entmutigter USA-Rückkehrer (1907), André Kertesz’ „Porträt von Frau R“ (1926), Cecil Beatens Sitzungen mit dem Stummfilmstar Lilian Gish (1929) sowie Dora Maars „Mannequin mit Dauerwelle“ (1935) bis zur frühen Mode-Fotografie fort

Zum Katalog haben Autoren wie Durs Grünbein, Katharina Hacker, Wilhelm Genazino, Martin Mosebach und Eva Demski beigetragen.

‹ „Kunst der Moderne“ im Frankfurter Städelmuseum. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 18, Mittwoch und Donnerstag bis 21 Uhr

Quelle: op-online.de

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