Steigender Unterhaltungswert

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Alan Titus singt Hans Sachs.

Gemessen an den Eskapaden des Walther von Stolzing muss Katharina Wagner eine antiautoritäre Erziehung genossen haben. Hat sie doch das Inszenierungstempo bei der Wiederaufnahme von Richard Wagners „Meistersingern“ noch einmal verschärft und bietet hohen Unterhaltungswert mit ihren ironischen Anmerkungen zu einem hehren Stoff. Von Klaus Ackermann

Frischer Durchzug auch bei Festspiel-Orchester und den kraftvollen Chören (Eberhard Friedrich), die der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle auf Glanz poliert hat, wie er für Klarheit bei den kunstvollen Stimmverflechtungen sorgt, was schon das Vorspiel zum Hör-Erlebnis macht. Makellos sein Kontakt aus dem Graben zu den Gesangssolisten, von denen Klaus Florian Vogt als Stolzing alle Sympathien bündelt, aber auch sein Gegenspieler Adrian Eröd aufhorchen lässt, der einen nicht nur stimmlich agilen Beckmesser gibt.

Die Geburt des Popstars aus dem Piano der ersten Etage des wie eine Kunstakademie anmutenden mehrgeschossigen Bühnenbaus, in dem die Büsten von Geistesgrößen grüßen, die mittendrin auch ein Tänzchen wagen (Ausstattung: Tilo Steffens): Dieser Stolzing, der mit List die Meistersinger-Traditionen unterminiert, um Eva zu erobern, menschliche Trophäe eines Liedwettstreits, lässt kein Fettnäpfchen aus, ein Hyperaktiver, der zum Aktschluss stets ein Schlamassel anrichtet – wie die noch sorgsamer choreografierte Prügelszene, bei der es nicht nur Schuhe regnet, sondern auch Suppe aus der Campbell-Dose. Der als Hausmeister sich nützlich machende Nachtwächter Friedemann Röhlig hat da allerhand zu tun.

Denn mit dem Pinsel geht Stolzing ebenso eifrig zu Werk wie mit seinen kernigen Stimmgaben, weil in dieser Inszenierung zum jeweiligen Preislied ein bescheidenes Kunstwerk mitgeliefert wird. Klaus Florian Vogt mit seinen jungenhaft-kernigen Tenor scheint diese Rolle auf den Leib geschneidert. An seinem Preislied kann man sich kaum satthören. Und er lässt sich nicht verbiegen. Eva will er, die Meistersinger-Würde – ein güldener Kitsch-Hirsch – lehnt er ab. Als ebenfalls ungebärdige Eva, die genau weiß, wie sie ihre Ziele erreicht, verfügt Michaela Kaune über einen kraftvoll-elastischen Sopran. Wie ihre Gefährtin Carla Guber als Magdalene, die den Lehrbuben David unter die Haube bekommt. Norbert Ernsts schlanker und bei der Darlegung der Meistersinger-Regeln beredsamer Tenor genießt alle Sympathien.

Mittendrin Schuster Hans Sachs, der die Leisten mit der Schreibmaschine vertauscht hat, der barfuß und kettenrauchend vom Meistersinger der Beat-Generation zum aalglatten Moderator auf der Festwiese mutiert. Neu ist der Bayreuth-erfahrene Alan Titus mit starkem, ausdrucksinnigem Bass, der freilich am Ende dieser fünfeinhalbstündigen Oper ein wenig abbaut – wie viele vor ihm. Gegenläufig charakterisiert auch sein Rivale Beckmesser, erst pingeliger Regelbewahrer dann ein lustvoller Punk. Mit durchweg elastischem Bariton und tänzerischer Geschmeidigkeit setzt sich der Wiener Bayreuth-Neuling Adrian Eröd in Szene und wird prompt gefeiert. Bei seinem Preislied formt er Adam und Eva aus aufgeschütteter Erde, ein nacktes Paar, das schnell von der Bühne huscht. Aus der Norm ragen der Eva-Vater Artur Korn, nur vorübergehend von Zweifeln an der seltsamen Brautschau geplagt und mit gut geführtem Bass, sowie Bariton Markus Eiche als betont beflissener Kothner.

Starke Bilder zum Finale, in dem Katharina Wagner, die ihre Sippe gnadenlos in Masken antanzen lässt, auch politisch trübe Bayreuther Zeiten aufs Korn nimmt. Wenn Hans Sachs „Zerging im Dunst das heil’ge römische Reich, uns bliebe gleich die heilig deutsche Kunst“ singt und der wohlgeordnete Chor das Publikum feindselig anstarrt, erscheinen zwei martialische, dem Bildhauer Arno Breker nachempfundene Figuren. Starker Tobak für Alt-Wagnerianer, die es schon bei der vorausgegangenen Polit-Revue gegruselt haben dürfte. Der sorgt für kraftvolle Buhs, wenn sich die Wagner-Urenkelin tapfer dem Publikum stellt. Doch die Bravo-Rufe sind diesmal weitaus ausdauernder ...

Quelle: op-online.de

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