Alt-Steinheims Fachwerkromantik und Schloss

Schöne Oberstadt mit dunkler Unterwelt

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Oben: Alte Stadtpfarrkirche am Kardinal-Volk-Platz

Steinheim -Auf einem hohen Basaltrücken liegt die Oberstadt von Steinheim. 1320 in der Eppsteiner Zeit zur Stadt erklärt, vielfach den Besitzer wechselnd, liegt die immer noch von einer Pressmauer umringte Perle am Main an Deutscher Fachwerk-, Apfelwein- und Limesstraße. Von Reinhold Gries 

1974 wurde das ehemalige kurmainzische Oberamt für die Region zwischen Alzenau und Rodgau mit Hanau vereint. Was zu sehen ist zwischen weiß-grau getünchtem Bergfried am Schloss, im Mittelalter Burg der Herren von Hainhausen, sowie rotbraunen Turmzinnen von St. Johann Baptist wirkt jedoch wenig hanauisch. Nicht nur der auf die Obertor-Festung zurückgehende Turm der alten Stadtpfarrkirche am Kardinal-Volk-Platz lädt ins romantische Fachwerkstädtchen ein. Dazu öffnet das Museum Schloss Steinheim neben Blicken in die Vor- und Frühgeschichte der Region den Blick für verborgene Kellerwelten.

Spannend ist es, am alten Marktplatz, heute Platz des Friedens, in eine kreuzgratgewölbte Landschaft zu steigen, die wie eine Krypta wirkt. Keller an Huttenhof, Hans-Sachs-, Schloss- oder Neutorstraße lassen staunen bei einer Führung des Geschichts- und Heimatvereins. Fotos und Katasterpläne der Ausstellung „Steinheimer Unterwelt“, Frucht siebenjähriger Bauforscher-Arbeit, bieten die ideale Vorbereitung.

In der alten Zehntscheune liegen drei Keller übereinander, mit einer Wendeltreppe verbunden. Der untere ist zugeschüttet, im mittleren steht Wasser, darüber wirkt eine Kunstpädagogin mit Kindern, im Parterre ein Maler mit Erwachsenen. Auch beim Gang durch alte Gassen mit Rundbogen-Kellertüren, hinter denen oft guter Apfelwein lagert, gibt es Überraschungen: Die zum Wohnhaus gewordene Schäferei der Kurmainzischen Ökonomie wirkt eher irisch. Das Hofbrauhaus mit goldenen hessischen Löwen und Mainzer Radwappen beherbergte Graf Zeppelin auf einem Reitausflug.

Fachwerk am Platz des Friedens

Unten: Altes Kellergewölbe.

Fachwerk breitet sich am Platz des Friedens aus, auf dem der 1911 von einem jüdischen Kaufmann gestiftete Bronzejüngling mit Lorbeerkranz Frieden stiften sollte. 1938 zerstört, kehrte er 1965 als Nachguss zurück. Sein goldglänzendes Gipsmodell steht im Schlossmuseum. Bemerkenswert ist, dass die Judengasse durch eine Gaststätte zur Harmoniestraße geworden ist. Harmonie ist auch Trumpf in den Kunstgewerbeläden und Traditionslokalen der Oberstadt. Kein Wunder, dass der Maler Albrecht Dürer auf seiner Reise in die Niederlande Herberge am Maintor nahm. Dessen Turm steht wieder gut da, andere Stadttore sind abgebrochen. Dafür ist der Gang um die Stadtmauer mit Durchbrüchen und Türen so pittoresk wie der Schönbornhof, das Stadtwirtshaus oder das Dürerhaus.

Im Indigene-Haus wirkte vor und nach 1500 Pfarrer Johannes Rosenbach, der sich Indigene nannte und Berater des Kurfürsten Albrecht von Brandenburg war. Der mit Renaissancemaler Matthias Grünewald befreundete Astrologe und Experte für Handlesekunst soll Kaiserwahlen beeinflusst haben, ehe das Handbuch „Chiromantia“ auf den Index verbotener Bücher kam. Er schrieb auch über Dürers Besuch.

Wechselvolle Historie

Lohnend ist es, im Café im Huttenhof Genaueres über Amtmann Frowin von Hutten zu erfahren, Vetter des berühmten Humanisten Ulrich von Hutten. Frowins Epitaph steht nebenan im Kirchenschiff. Von da ist es nicht weit zum Schlossmuseum, an dessen Kasse es einen Schlüssel gibt, um auf den Bergfried hinauf- oder ins Mithräum hinabzusteigen. Steinzeitwerkzeuge, bronzezeitliche Grabfunde, römische Mystik, Keramik und Gläser sind zu sehen. Steinheims wechselvolle Historie lässt sich kennenlernen – zwischen Eppsteinern, Kurmainzern und Hessen-Darmstadt samt Bauernkrieg, Pest, Dreißigjährigem Krieg und Napoleon. Da kamen manch einem zugeschüttete unterirdische Gänge gelegen, um sein Leben zu retten.

Museum Schloss Steinheim: Donnerstag bis Sonntag 10 bis 12, 14 bis 17 Uhr mit Schau „Steinheimer Unterwelt“ (bis 18. Mai). Kellerführung am Sonntag, 23. März, 15 Uhr. Infos: E-Mail touristinformation@hanau.de, vorstand@geschichtsverein-steinheim.de

Quelle: op-online.de

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