Turbulenzen in Arena der Liebe

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Kriegenburgs „Stella“ im Schauspiel Frankfurt

Frankfurt - Der junge, gerade mal 26 Jahre alte Goethe, selbst in Liebeswirren verstrickt, schrieb seinen 1776 in Hamburg uraufgeführten Fünfakter „Stella“ als ein „Schauspiel für Liebende“. Von Stefan Michalzik

Als gesellschaftlich-moralische Konventionen hintanstellende Manifestation eines utopisch motivierten Primats des Gefühls. An ein und demselben Nachmittag begegnet ein Mann, Fernando, durch die Fügung des Zufalls zwei Frauen wieder, der einstigen Geliebten Stella und der von ihm gleichfalls verlassenen Ehefrau Cäcilie; am Ende steht die gemeinschaftliche Entscheidung für ein Leben zu dritt: „Eine Wohnung, ein Bett, ein Grab.“

Dreißig Jahre später hat Goethe einen neuen Schluss verfasst und das Stück zum Trauerspiel mit einem Doppelselbstmord gewendet: Fernando erschießt sich, Stella nimmt Gift. Andreas Kriegenburg hat für seine Inszenierung der „Stella“ an den Kammerspielen die heute meist bevorzugte frühe Fassung gewählt. Die Schauspieler befinden sich während des Einlasses schon auf der von Kriegenburg selbst entworfen Bühne. Vor einer kahlen Bretterwand spielen sich in Slapstickmanier allerlei Verwicklungen mit einem überlangen Wollschal und einem an beiden Enden mit Trichtern bestückten Kommunikationsschlauch ab, samt Einbezugnahme eines Klaviers und einiger Zuschauer aus der ersten Reihe.

Fenster mit Blick auf eine Wald-Fototapete

Das zieht sich. Viele Worte fallen erst einmal nicht, und schon gar keine von Goethe. Dafür aber irgendwann die Wand, in einem Effekt, den Kriegenburg schon in der sehenswerten, gerade mal eine Woche zuvor an der benachbarten Oper herausgekommenen Inszenierung von Puccinis „Tosca“ angewendet hat. Der Raum, der sich dahinter auftut, ganz in Holz, gefasst von einem Bilderrahmen, mit einem Fenster mit Blick auf eine Wald-Fototapete, wirkt so weit wie begrenzt.

Eine Arena der Gefühle ist das, mit einer ungeheuren, mitunter beinahe artistischen körperlichen Wucht treffen sie aufeinander. Die Stella von Valery Tscheplanowa ist ihnen schwärmerisch-leidend ergeben. Im Moment der scheinbaren Ausweglosigkeit wälzt sie sich in höchster Seelenpein auf dem Boden. Bettina Hoppe als Cäcilie lässt noch in den Aufwallungen Übersicht und Kühle spüren. Den Fernando zeichnet Marc Oliver Schulze als den ewig Zerrissenen. Bevor Cäcilie die Lösung einträgt, steigert er sich in einen Zustand der völligen Auflösung hinein. Fernandos und Cäcilies Tochter Lucie, deren Verdingung als Gesellschafterin überhaupt erst der Auslöser für das zufällige Zusammentreffen ist, gibt Lisa Stiegler als launig-kesse Göre.

Eintrittskarten gibt‘s keine mehr - die Aufführungen im Februar sind ausverkauft.

Der Eindruck dieses Abends, dem Abschluss einer in Berlin (Shakespeares „Sommernachtstraum“) begonnenen und in München („Alles nur der Liebe wegen“) fortgesetzten „Trilogie der Emotionen: Dreimal Lieben“, ist ein zwiespältiger. Die Handschrift Andreas Kriegenburgs ist sehr deutlich zu erkennen; der Turbulenzen sind viele, und in den besten Momenten gelingen Kriegenburg intensive Bilder. Freilich weiß man mit zunehmendem Fortgang nicht mehr so recht, ob er es gut mit seinen Figuren meint. Die Gefühlspein erscheint schlechterdings übersteigert. Intensität und Geplänkel liegen eng beieinander. Die Lächerlichkeit lauert. Ernstlich zu berühren vermag diese Inszenierung nicht. Es ist ein Blick von oben, den sie vermittelt, ein distanzierter, kein mitfühlender.

Quelle: op-online.de

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