Stets auf Suche nach dem ganzen Menschen

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Das organisch-technische Doppelobjekt „Capri-Batterie“ von 1985 ist Teil der Ausstellung.

Während man den Beuys-Block in Darmstadt säubert, zeigt das Museum Wiesbaden einen anderen Umgang mit dem Aktionskünstler.  Von Reinhold Gries

Im Obergeschoss fühlen sich die Multiples, Zeichnungen, Grafiken, Plakate von Joseph Beuys (1921 bis 1986) aus der Sammlung Axel Hinrich Murken wohl, obgleich sie der Auswertung harren und erst im sanierten Südflügel auf Dauer präsent sein werden. Da dann viele Dokumente und Schriftstücke nicht gezeigt werden können, bietet sich jetzt Gelegenheit, das Konvolut in seiner Gesamtheit kennenzulernen.

Das Beuys-Archiv der Sammlung A. H. Murken“, im Museum Wiesbaden bis 7. Juni: Dienstag 11 bis 20, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 17 Uhr

Wie Murken, Professor für Medizingeschichte, befasst sich Beuys mit Heilkunde. In ganzheitlicher Sicht unterscheidet er nicht zwischen Schulmedizin und Naturheilverfahren, Kunst und Leben. Viele Exponate zielen auf die Verwundbarkeit des Menschen an Leib und Seele – die ärmliche Sanitätstasche (um 1978), der Schaukasten „Die Kreuzschmerzen der Frau“ (1973), die Grafik „Der Schamane“ und gezeichnete „Diagramme der Psyche“ (1971). Ein Bienenwachsguss enthält „Cuprum 0,3% argentum metallicum praeparatum“, frei nach Homöopathie-Begründer Samuel Hahnemann. Der wäre über Beuys’ verpflastertes Hasenblut so wenig glücklich wie über das Papierteller-Bekenntnis „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“.

Braun auf Papier getuschte Flugbahnen und Kurven sind „Aus dem Leben der Bienen“ gegriffen. Die Fotocollage „Verteidigt die Natur“ wirkt so wenig irregeleitet wie der ins Bild gesetzte Satz „Lasst Blumen sprechen“. Beim Apfel-Globus (1975) wirkt Beuys wie ein Prophet der Klimaveränderung. Da gab es für den Politkünstler nur eins: „Die reine Vernunft ist grün.“

Plakate befassen sich mit dem „Gespräch über Bäume“. Die Natur erforscht Beuys mal intuitiv, mal wie ein Wissenschaftler mit Kolonnen von Kräutern und organischen Substanzen. „Auf der Suche nach dem Heil“ geht es um den ganzen Menschen.

Keinen Spaß versteht der Ur-Demokrat in Offset-Plakaten zur „Parteienwahlverweigerung“ von 1970: „Wähl nie wieder Parteien. Denn Parteien sind Interessengruppen der wirtschaftlich Mächtigen… Der Staat seid Ihr selbst. Alle! Jeder! Regiert Euch selbst. Gewaltlos.“

Neben dem pazifistischen Weltveränderer ist der reine Künstler zu sehen, mit wenigen Pinselstrichen prägnante Frauenfiguren auf Papier setzend und Suiten figurativer Art zeichnend: „Zirkulationszeit“, „Topfspiel“, „Taucherin“, „Toter Hirsch“. Leonardo da Vincis „Felsen des Denkens“ erfahren moderne Umdeutung. Über die Polarität des organisch-technischen Doppelobjekts „Capri-Batterie“ (1985) lohnt es nachzudenken. „Durchgeknallt“ war der Mann mit dem Hut nicht. Die Ikone der Avantgarde gab sich im Leben wie in der Kunst. Das schockiert jene, denen sein erweiterter Kunstbegriff nicht geheuer ist.

Quelle: op-online.de

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