Glucks Operndrama „Ezio“ in Frankfurt ein Publikumserfolg

Stimmglanz in Designer-Roben

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Altrömischer Intrigantenstadel Lädierte Helden, starke Frauen: Sonia Prina (Ezio) und Paula Murrihy (Fulvia).

Frankfurt - Ein großer Wurf sind die Kostüme des Modedesigners Christian Lacroix, vielfach lädierte Helden, höllische Schurken und starke Frauen charakterisierend, deren Drama sich in erhabener Langsamkeit vollzieht. Von Klaus Ackermann

Denn Regisseur Vincent Boussard setzt in Christoph Willibald Glucks barockem „Ezio“ auf große Gesten für ebensolche Gefühle, die er zudem spielerisch auf ironische Distanz bringt. Für munter machenden musikalischen Durchzug ist bei dieser Frankfurter Erstaufführung Christian Curnyn zuständig, der im historisch gut informierten Opern- und Museumsorchester und den stimmlich hervorragenden Protagonisten großartige Verbündete hat, Garanten für den Publikumserfolg zur Premiere an der Oper Frankfurt. Allen voran Titelheldin Sonia Prina, ein auch in der Tiefe ungemein präsenter Alt.

Im weiten Bühnenraum, den spitzwinklige, angelegentlich in zarte Farben getauchte Wände begrenzen (Bühnenbild: Kaspar Glarner), fällt eine winzige römische Herrscher-Büste auf. Zur Ouvertüre sind Flugzeuge am Bühnenhimmel auszumachen, wie einem Stummfilm entlehnt und offenbar zeitlos einen Sieg feiernd. Denn der römische Feldherr Ezio hat den Hunnenkönig besiegt, kehrt nach Rom zurück - und gerät in ein grandioses Beziehungsschlamassel.

Ausgelöst von Massimo (im modernen Dreiteiler), dessen Frau vom amtierenden Kaiser Valentiniano (im noblen Purpur-Mantel) vergewaltigt wurde und der sich mit Hilfe seiner Tochter Fulvia (in schwarzer Tragödinnen-Robe) an ihm rächen will, die den siegreichen Heimkehrer Ezio liebt, aber vom Kaiser zur Heirat gezwungen wird.

Genug Stoff für Seelennot und Konflikte

Genug Stoff für Seelennot und tief gehende mörderische Konflikte, die vor allem in den langwierigen, aber immer spannenden, unaufdringlich vom Continuo begleiteten Rezitativen entwickelt werden. Denen dann ein Arienbekenntnis folgt, bei dem der Opernerneuerer Gluck sich andeutet, der das Dacapo-Arien-Ritual aufbricht, mit unruhigen Streicherfiguren unterfüttert oder mit warmen Hornklang anreichert, den jeweiligen emotionalen Status noch verstärkend.

Szenisch kaum gefordert, werden die Helden zur einprägsamen Skulptur, verfolgt von ihren überlebensgroßen Schatten. Da ist ein rätselhaftes, über der Bühne schwebendes Flugobjekt schon ein Ereignis. Oder wenn Ezio-Freund und -Retter Vario (Simon Bode mit geschmeidigem Tenor) an die Rampe tritt, um zu verkünden, dass man sich aufs Schicksal nicht verlassen kann – Licht an. Pause. Später mischen sich Museumsbesucher in die Galerie der wie verstreut wirkenden römischen Herrscher-Büsten jedweder Größe. Den marmornen Winzling hat längst der unbotmäßige Massimo kassiert, der seine Tochter sogar ohrfeigen darf. Beau Gibson bezeugt aber auch tenorale Strahlkraft. Als unselige Fulvia wirkt Paula Murrihy angelegentlich wie von Furien gehetzt, deren ausdrucks- und klangschöner Mezzosopran anzurühren versteht.

Noch am 14., 17., 22., 24. November. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494.

Zu den wenigen Guten in diesem altrömischen Intrigantenstadel zählt die Valentiniano-Schwester Onoria, mit üppig geschnittenem nach vorn offenem Ballkleid. Sofia Fomina gehört zwar zu den Verlierern, jedoch beileibe nicht ihr glockenreiner Sopran. Wie ihr Bruder, ein wahrer Kretin auf dem Kaiserthron, doch als Countertenor Max Emanuel Cencic von so enervierender Stimmkraft, dass man ihm jede Schandtat verzeiht. Dagegen ist Sonia Prina in Rocker-Kluft ein echter Kerl, der auch stimmlich Testosteron bezeugt und in der „Addio“-Arie Herzen erweicht. „Der Mensch verirrt sich leicht auf den zweifelhaften Wegen des Lebens“ singt das Protagonisten-Sextett am erstaunlich glücklichen Ende – und man wundert sich: Trotz sparsamer szenischer Aktion sind drei Opernstunden doch überraschend schnell vergangen.

Quelle: op-online.de

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