Stimmstarke Freiheitsoper

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Manierliche Sangesleistungen bot das Ensemble der Opera Classica Europa.

Dreieich - Kaum hatte sich in den siebziger Jahren das Regietheater auf den Schauspielbühnen durchgesetzt, da begannen die Opernhäuser schon die prägenden Schauspielregisseure der neuen Generation herüberzuziehen – zum Leidwesen einer konservativen Publikumsschicht. Von Stefan Michalzik

Die sommerlichen Festspiele allerorten sind ein Lab für all die sich nach anfänglicher geführter Fehde resigniert von den großen städtischen und staatlichen Häusern und ihrer „Modernität“ abgewandt haben. Da ist noch weitgehend Verlass darauf, dass die eingeforderte „Werktreue“ geliefert wird. Die führt denn auch Michael Vaccaro, der Intendant der Opera Classica Europa, im Programmheft zu Beethovens „Fidelio“ bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain im Munde. Da scheint es folgerichtig, dass eine Inszenierung im Sinne eines den Stoff befragenden Ansatzes unterbleibt.

Marcel Krohn – nominell als Regisseur geführt, in Wahrheit hat er nur die früher sogenannte szenische „Einrichtung“ besorgt – lässt immer stracks zur Rampe spielen. Einen Szenenbildner für das Dekor – ein Podium mit einer Kaffeehaus-Tischgruppe in verschnörkelten Stahlrohr samt klassizistisch-antikisierendem Statuenbeiwerk – nennt man genau wie für die gleichermaßen historisierenden Kostüme lieber gleich mal nicht. In dieser biedermeierlichen Staffage werden Gesten der Verzückung, Missbilligung, des Ingrimms gleichsam wie aus dem Musterbuch abgerufen.

Veritable dramatische Spannung

Immerhin wurde recht manierlich gesungen. In der Gefängnisszene zu Beginn des zweiten Aufzugs hat sich zwischen Leonore, Florestan, Don Pizarro und Joaquino gar eine veritable dramatische Spannung entfaltet. Zu den Aktivposten zählte neben dem hawaiianischen Tenor Keith Ikaia-Purdy mit seiner weichen, abgerundeten, in allen Lagen nuanciert geführten Stimme die junge, vital-klangsinnliche Sopranistin Jessica Fründ als Marzelline, eine Absolventin der in Bad Schwalbach ansässigen Internationalen Opern- und Singakademie, dem Ausbildungszweig der Opera Classica Europa. Dem schurkischen Don Pizarro gab der Bariton Gary Simpson einen klassisch-statuarischen Zuschnitt. Ansatzfrei-geschmeidig: der Bariton Michael Mrosek als Don Fernando. Lyrisch-warm im Gestus: Die Sopranistin und Ko-Prinzipalin Romana Vaccaro als Fidelio im Leonorengewand.

Das Dirigat der Bonner Opernchordirektorin Sybille Wagner trieb die ansehnlich präparierten Frankfurter Sinfoniker zwar nicht in ernstliche Kühnheiten, die Tempi aber waren straff. Das schlanke Klangbild des Kammerorchesters mag in Zeiten, in denen Paavo Järvis Aufnahmen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen als Nonplusultra der Beethoven-Interpretation gefeiert werden, durchaus als satisfaktionsfähig gelten. Die Nachteile der bei Freiluftaufführungen üblichen elektroakustischen Verstärkung machten sich mal wieder schmerzlich bemerkbar. Derweil man das seitlich der Bühne untergebrachte Orchester von rechts her hört und sieht, übertrumpfen Lautsprecher alles. Schaurig. Der Chor ist ob seiner feinen dramatisch-dynamischen Gewichtung klar auf der Habenseite zu verbuchen.

Der Philosoph Ernst Bloch hat die Trompeten im „Fidelio“ als Signal der Freiheit gedeutet. Von dem zeitgeschichtlichen Zusammenhang müsste künden, wer die Treue zum Komponisten im Munde führt. Keine Spur davon an diesem von Beifall umstürmten Abend.

Quelle: op-online.de

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