Der Wüstling auf Abwegen

Frankfurt - Zwischen Rokoko-Landleben und Großstadt-Rummel bewegt sich Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“, Geschichte eine Lebemanns auf Abwegen. Von Klaus Ackermann

Wie man aus einem solch moralinsauren Lehrstück Spannung bezieht, das führt derzeit Regisseur Axel Weidauer mit psychologischem Gespür und Lust an szenischer Pointe in Frankfurt vor. Unterstützt von Constantinos Carydis, der das Opern- und Museumsorchester perfekt auf Strawinskys klassizistischen Anwandlungen im modernistischen Klanggewand eingestimmt hat. Dass der Wüstling letztendlich ein armes Würstchen ist, macht US-Tenor Paul Appleby bei seinem europäischen Operndebüt eindringlich klar.

Eine Unschuld vom Lande, ein Verführer von Mephisto-Gnaden und ein labiler Held, der in Londons Tingeltangel eine zweifelhafte Erbschaft verprasst, immer wieder die wahre Liebe erträumt, der final dem Wahnsinn verfällt und stirbt. Schon die zackige Bläser-Intrade weist den Weg zum Welttheater, das sich auf einer Guckkastenbühne ereignet, begrenzt von Lampensäulen im Hintergrund die Lichter der Großstadt (Bühnenbild: Moritz Nitsche) und eine Uhr, die Zeit zu raffen scheint. Ins Schäferstündchen zwischen Anne Truelove und Tom Rakewell in Rokoko-Gewandung bricht der sinistre Nick Shadow ein, wie ein Gentleman des frühen 20. Jahrhunderts ausstaffiert (Kostüme: Berit Mohr).

Ironische Distanz

Die gefühlvolle Arie wird gleichsam mit Störtönen, angeschrägter Harmonik und rhythmischer Rasanz zersägt, so wie der anfangs gute Junge Tom sein Leben systematisch selbst zerstört. Klanglich auffällig wird hier das Präludieren am Klavier, wenn Tom mit dem teuflischen Nick um sein Leben Karten spielt, oder der Strawinsky-typische Leierkasten-Ton, den Wahnsinn des Protagonisten befördernd. Dann ist auch musikalisch jene ironische Distanz erreicht, die schon den Kupferstich-Zyklus des William Hogarth auszeichnet, auf dem das Libretto basiert.

Schön singen kann dieser Rakewell des Paul Appleby noch im Wahn, vor allem im Lyrischen von hoher tenoraler Intensität. Und ist wie Wachs in den Händen des Verführers Shadow, der ihn an Mother Goose verkuppelt, von Kammersängerin Barbara Zechmeister gekonnt lasziv angelegt.

Ann Truelove als Inbegriff der ewigen Liebe

Inbegriff der ewigen Liebe in dieser theatralischen Welt ist die Ann Truelove der Brenda Rae, deren feinstimmiger Sopran zwischen Hoffen und Bangen über ein enormes Ausdruckspotential verfügt und final zu Recht gefeiert wird. Nachdenklich, kritisch aber immer die Güte in Person: Bassist Alfred Reiter als Vater Truelove.

Sorgt Weidauers Regie für angemessenen Spielwitz (wie Carydis für karikierende klangliche Härte), so ist vor allem in der Londoner Vergnügungsszene auch trickreiche Magie angesagt. Und der Chor (Einstudierung: Matthias Köhler) hat nicht nur stimmlich allerhand zu tun, sondern wird auch darstellerisch stark gefordert. Köstlich in der Auktionsszene, wenn die Hinterlassenschaften des mittlerweile bettelarmen Rakewell verramscht werden – Tenor Peter Marsh hat als schlitzohriger Auktionator einen umjubelten Auftritt. Partystimmung dann beim kokett erhobenen Zeigefinger, bei der Moral von der Geschicht‘. Mit einem wiederauferstandenen Wüstling Tom. Schließlich ist’s nur Theater

Weitere Aufführungen am 24., 26. und 28. Mai sowie am 1., 3. und 9. Juni.

Quelle: op-online.de

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