Frankfurt wird bunt

„Street-Art Brazil“: Poeten der Großstadt

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Traumwelten und Fabelwesen entwirft das Künstlerduo Jana Joana & Vitché, die ihr Wohnviertel in ein Märchenreich verwandeln.

Frankfurt - Brasiliens Metropolen beherbergen eine der lebendigsten und künstlerischsten Graffiti-Szenen der Welt. Vor allem aus São Paolo stammen die zwölf Künstler und Künstlergruppen, deren Werke bis 27. Oktober Frankfurter Fassaden und Decken, Brücken, Bankentürme und Bauzäune und sogar die Fußgängerzone an der Hauptwache bespielen. Von Carsten Müller

Die von der Schirn Kunsthalle verantwortete Ausstellung „Street-Art Brazil“ ist Teil des Gastland-Auftritts zur Buchmesse. Der spezifisch brasilianische Stil reflektiert eine politisch motivierte Gegenkultur, ist aber auch „künstlerisch vielseitig, dynamisch und ästhetisch tiefgreifend“, erläutert Schirn-Chef Max Hollein. Indigene Volkskunst, Kolonialismus und urbane Gegenwart fließen in die stark malerisch geprägte Bildsprache ein. „Graffiti waren in den 1980er Jahren verfemt, heute sind sie allgegenwärtige visuelle Kultur.“ Hollein war es daher besonders wichtig, mit den Werken an neuralgische Punkte in der Innenstadt zu gehen.

„Flops“ nennt Zezão seine farbkräftigen Arabesken an der Schirn.

Ausgangspunkt ist die Kunsthalle auf dem Römerberg, wo sich Zezãos Arabesken an der Decke des Arkadengangs entlangschlängeln. Der Künstler sucht die ärmsten und verwahrlosesten Gegenden seiner Heimatstadt auf und verwandelt beispielsweise die Brandruinen einer Favela, wie die Slums dort heißen, mit seinen „Flops“ in künstlerische Räume. Der angrenzende Bauzaun ist Malgrund für die abstrakten Kompositionen von Gais. Er ließ sich in Museen inspirieren und bringt auf diese Weise Hochkultur in die Favelas – auch Teil der kommenden „Brasiliana“-Ausstellung mit Installationen in der Schirn.

Erste Generation der „Grafiteros“

Zur ersten Generation der „Grafiteros“, die aus Kostengründen noch mit Fassadenfarbe malten und dabei geblieben sind, zählen Vitché und Spento. Letzterer hat die Fassade der Matthäus-Kirche im Stil von Cordel-Heftchen gestaltet, die als Massenmedien seit dem 17. Jahrhundert in Brasilien verbreitet sind. Sein Titelheld ist einer der vielen tödlich verunglückten Motorradkuriere, der selbst zum Todesboten wird,

Businessman von Onesto in der Neuen Mainzer Straße

Vitché arbeitet seit 15 Jahren mit Jana Joana zusammen, die in ihrem Wohnviertel mit an Volkskunst erinnernden Traumwelten eine „Gegenwelt zum Chaos der Großstadt“ schaffen, wie Kuratorin Carolin Köchling sagt. Ihre Fantasiewelten mit Vögeln und Fischen sind reine Großstadt-Poesie.

Indigene Motive bringt Nunca in Verbindung mit Insignien der Konsumkultur, eine Brandwand in der Niddastraße im Bahnhofsviertel hat er mit einem Werk bespielt, das maßstabsgetreu in São Paolo zu finden ist und einen Menschen im Business-Anzug zeigt – Identitätssuche ist sein Thema.

Von der Wand zum Boden vom Graffito zur Street-Art, bewegte sich Herbert Baglione, dessen geisterhafte, sich an die Umgebung anschmiegenden Schattenwesen 900 Quadratmeter der Fußgängerzone vor der Hauptwache belegen. Den Ruß einer zensierten Arbeit brachte Alexandre Orion an den Main. Er hatte eine lange Reihe von Totenköpfen aus der Patina eines Verkehrstunnels gewischt, was die Stadtverwaltung São Paolos als verbotene Graffiti wertete, Den gesammelten Ruß benutzt Orion als Malmittel für die Fassade der Frankfurter Sparkasse, die einen meditierenden Straßenkämpfer zeigt.

Öffentliche Werbung verboten

Anschmiegsame Schattenwesen von Herbert Baglione bevölkern das Pflaster vor der Hauptwache.

Als 2007 öffentliche Werbung verboten wurde, entfiel der Malgrund für Fefe Talavera. Seither druckt die Künstlerin ihre Buchstaben selbst und installiert diese zu fabelhaften Traumfiguren, wie sie vor den Türmen der Deutschen Bank zu sehen sind. Für Rimon Guimaraes, der den Bauzaun vor der KfW-Bank bespielt, ist die Stadt eine Bühne, Graffiti geht bei ihm einher mit Musik, Gesang und Tanz.

Onestos großflächige Werke in der Neuen Mainzer Straße zeigen Banker. Gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Tinho bemalte er zudem einen Straßenbahnwagen. Tinho wiederum hat Kindesentführungen zum Thema seiner Einsamkeit abstrahlenden „Murals“ gemacht. Auch er wählte selbst den passenden Ort für seine Motive – und fand ihn im ehemaligen Polizeipräsidium.

Quelle: op-online.de

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