Erstaufführung „Les Troyens“

Stunden starker Frauen

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Verlassen und verloren: Erica Brookhyser als Dido in der Darmstädter Inszenierung von John Dew

Darmstadt - Puh, geschafft. Nach fünf Stunden „Grand Opera“ gibt sich Darmstadts Premieren-Publikum begeistert. John Dew, scheidender Intendant des Hauses, hat sich wieder an eine „große Oper“ aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts gewagt. Von Axel Zibulski

Im Staatstheater brachte er „Les Troyens“ von Hector Berlioz zur Erstaufführung. Und hat nichts gekürzt, nicht einmal das Ballett, das im vierten der fünf Akte Dido und ihrem Geliebten Aeneas ein opulentes Fest versüßt.

Dass Dew nicht nur Wiederentdecker, sondern Regie-Provokateur war, hat man da längst vergessen: Ob Nebelschwaden über Troja oder monströse Statuen in Karthago: Was sich auf dem Weg des Helden Aeneas zur Gründung Roms abzeichnet, ist ein rampenorientiertes Stehtheater, das den Charakter einer bunt und gewaltig dekorierten konzertanten Aufführung trägt. Bei der Kosten nicht gescheut werden mussten. Lediglich minutenkurz hat ein meterhohes trojanisches Pferd seinen Auftritt.

Gewiss, der Repertoirewert dieser überhaupt ersten Darmstädter Aufführung der „Trojaner“ kann nicht hoch genug geschätzt werden. Erst 1969, exakt hundert Jahre nach dem Tod von Hector Berlioz, kam eine wissenschaftlich fundierte Partitur von „Les Troyens“ heraus. Und erst seither ist es üblich, die Oper um den nach Troja wie nach Karthago getriebenen Aeneas im Ganzen zu zeigen - also nicht, wie bei der Pariser Uraufführung 1863, auf die drei letzten Akte reduziert. Auch nicht, wie bei der szenischen Gesamt-Uraufführung 1890 in Baden-Baden, auf zwei Abende verteilt.

In Dews Neuinszenierung könnte man beinahe übersehen: Es sind zwei Frauenfiguren, die diese Oper prägen. Die wissende, warnende, ungehörte Kassandra im Troja-Teil, die liebende, verlassene und sich schließlich selbst tötende Dido in Karthago. Sie profilieren sich so stark, wie es Katrin Gerstenberger mit der glühenden Verzweiflung Kassandras und Erica Brookhyser in den betörenden Lyrismen Didos gelingt. Nicht mehr, nicht weniger, denn die Regie lässt sie weitgehend allein: Bilder, Rampensingen oder konventionelle Bühnengesten ersetzen die szenische Feinarbeit, die in diesem episodischen Kaleidoskop doch so nötig wäre.

Denn anders als in den Opern Richard Wagners fehlt im Nummernhaften der Partitur von Berlioz die letzte szenische Geschlossenheit. Auch wenn Dirigent Martin Lukas Meister und das Staatsorchester Darmstadt die bis ins Irritierende reichenden Klangfarben von Berlioz, dessen brillante Instrumentierung so deutlich, lebendig und präzise wie möglich ausarbeiten. Dem Orchester gelingt überhaupt eine ebenso bravouröse Leistung wie dem stark geforderten, exzellent auftrumpfenden Opernchor.

Hugh Kash Smith bewältigt die Riesen-Partie des Aeneas mit viel Kraft und Kondition, teils mit beeindruckendem Nachdruck in den Höhen, teils mit kaum vermeidlichen tenoralen Unschärfen. Nahezu das gesamte Opern-Ensemble ist gefordert und zeigt sich dabei in großer Geschlossenheit; zu den herausragenden Einzelleistungen zählt neben Aki Hashimotos quirliger Darstellung des Aeneas-Sohns Ascanius auch Ninon Dann als Didos Schwester Anna.

  • Nächste Vorstellungen am 23. und 31. März sowie am 13. und 21. April.

Quelle: op-online.de

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