Surreale Sicht der Wirklichkeit

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Aus Wolldecken schneidet die Künstlerin Motive.

Offenbach - Die Kunstausstellungen in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes sind inzwischen zu einem festen Bestandteil des Offenbacher Kulturlebens geworden. Von Ruth M. Nitz

Als der DWD 2008 das neue Gebäude in der Frankfurter Straße bezog, hat er sich bewusst entschieden, die Idee der öffentlich geförderten „Kunst am Bau“ fortzuführen und die Bürger regelmäßig in seine Zentrale einzuladen. Aktuell präsentiert dort die in Frankfurt lebende und europaweit arbeitende Künstlerin Monika Linhard ihre Ausstellung „Strömungen“, in der sie Installationen, Wand- und Raumobjekte sowie Fotografien zeigt.

Die Materialien, welche die Künstlerin verwendet, sind in erster Linie Alltagsgegenstände, die man vor der Verarbeitung meist nur in ihrer ursprünglichen Funktion wahrgenommen hat: Plastiktüten, Wolldecken, Jalousien zum Beispiel, die sie jedoch zerlegt, wieder in einer neuen Form zusammensetzt und raumgreifend inszeniert.

Frühlingshaft wirkt das in grünes Licht getauchte „Tütengeflüster“.

Der Reiz für den Betrachter liegt darin, Bekanntes in einem neuen Bezugsfeld wiederzufinden oder – anders formuliert – das Surreale in der alltäglichen Wirklichkeit zu entdecken. „Reale Dingform und Kunstform verschmelzen ineinander“, formuliert der Frankfurter Kunsthistoriker Christian Kaufmann im begleitenden Ausstellungskatalog. Und er findet etwas Verbindendes zwischen dem DWD und der Künstlerin: „Luftbewegungen sind gleichermaßen essentiell für den Deutschen Wetterdienst und die dortigen Wettervorhersagen wie auch für die künstlerische Arbeit von Monika Linhard.“

Für die Ausstellung hat die Künstlerin das Foyer in einen poetischen Jahreszeitenparcours verwandelt. Frühlingshafte Assoziationen kommen dem Betrachter zum Beispiel, wenn er im Treppenhaus durch mit grüner Folie bespannte Scheinwerfer in ein grünes, transzendentes Licht getaucht wird. Über den Strahlern hängen kopfüber Plastiktüten von der Decke herab. Die durch die Scheinwerfer entstehende Thermik füllt die Tüten und bringt sie in Bewegung. Sie berühren sich und beginnen infolgedessen zu rascheln oder eben zu „flüstern“.

„Sonnenabdecker“ erinnert an den Sommer

An den Sommer erinnert die Arbeit „Sonnenabdecker“. Hier hat die Künstlerin vier Wohnraumjalousien aus Aluminium zerlegt, die Einzelteile dann in unterschiedlichen Längen neu arrangiert und wie ein Bild wieder auf einer Länge von sechs Metern an einer Wand angebracht. Immer wenn jemand vorbeigeht oder auf andere Art und Weise ein Luftzug entsteht, geraten die Lamellen wellenartig in Schwingung.

Herbstlich wird es, wenn Linhard aus Wolldecken altmodische Dekorationselemente ausschneidet und sie unter lyrisch anmutenden Titeln wie „Grüne Rosen“ oder „Braunes Herbstblatt“ zur verbleibenden Negativform der Decke auf dem Boden dazu drapiert. Und im Winter ist man dann bei dem Doppelbild „Neuschnee“ angekommen: Eine mit hohem Schnee bedeckte Treppe erscheint auf dem zweiten Bild schneefrei und ist gleichzeitig durch eine unmittelbar angefügte künstliche „Zwillingstreppe“ aus Schnee erweitert. Eine Fotoarbeit, deren Vorher/Nachher-Effekt sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

Bis 20. Juli in der DWD-Zentrale, Frankfurter Straße 135, Offenbach. Geöffnet: Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr

Quelle: op-online.de

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