Tschaikowsky und Streetdance

Im Banne des Dealers Rotbart

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Rotbart ist kein Zauberer, sondern ein Dealer und Zuhälter. Seiner diabolischen Ausstrahlung kann man sich trotzdem nicht entziehen.

Stockholm/Frankfurt - Lauter berühmte Gesichter: Tennis-Legende Björn Borg ist dabei, Golferin Annika Sörenstam, ebenso Schauspiel-Göttin Greta Garbo oder Erfinder Alfred Nobel. Von Christian Riethmüller

Fredrik „Benke“ Rydman

Am Stockholmer Flughafen Arlanda wartet die schwedische Prominenz gleich zu mehreren Dutzend auf den Besucher - wohlgemerkt auf Fotos, die die Wände des Airports zieren. Unter den Portraits ist auch das Konterfei von Fredrik „Benke“ Rydman zu finden. Dessen Name dürfte vermutlich auch vielen Schweden nicht gleich geläufig sein, doch steht der heute 38-Jährige für einen der erfolgreichsten künstlerischen Exportschlager des skandinavischen Landes in den vergangenen Jahren. Rydman gehörte 1997 zu den Gründern der Bounce Streetdance Company, deren Tanzshows in ganz Europa ein begeistertes Publikum fanden. 2010 verabschiedete sich die Compagnie allerdings vorerst von der Bühne.
Rydman stand damit allerdings nicht vor einem Neuanfang. Schon während der „Bounce“-Zeit hatte er eigene Werke für verschiedene Ballette und Tanzgruppen choreographiert. Bei einem London-Besuch, so erzählt er, war er zudem auf die Idee zu seinem aktuellen Projekt gekommen, das in mehrerlei Hinsicht eine Herausforderung ist. Künstlerisch, weil es sich an den Klassiker des Tanzes schlechthin heranwagt. Ästhetisch, weil es diesen Klassiker radikal neuinterpretiert, ihn aus dem 19. ins 21. Jahrhundert katapultiert. Nicht umsonst heißt „Schwanensee“ in dieser Version „Swan Lake Reloaded“.

Rydmans Interpretation hat nichts mit klassischem Ballett zu tun

Mit klassischem Ballett hat Rydmans Interpretation nichts zu tun. Das wird gleich deutlich, wenn er von jenem Moment in London berichtet in dem ihm der Gedanke kam, die Geschichte von Prinz Siegfried, der schönen Odette und dem bösen Zauberer Baron von Rotbart einmal ganz anders zu erzählen. „Ich stand vor einem Geschäft, in dessen Schaufenster einige weiße Pelze ausgestellt waren, die wie Schwäne aussahen. Bei weißen Pelzen muss ich an Prostituierte denken. Wer trägt denn sonst noch so etwas? Also war das Begriffspaar Schwäne - Prostituierte da. Und dann wurden mir die Parallelen klar. Mit Prostitution geht oft Drogenabhängigkeit einher. Und Drogen sind der Zauber, mit dessen Hilfe Rotbart die jungen Mädchen in Schwäne verwandelt und in seinen Bann schlägt.“

Was sich weit hergeholt anhört, fügt sich in „Swan Lake Reloaded“ zu einem schlüssigen Ganzen, weil Rydman nicht nur die Geschichte neu erzählen will, sondern auch Musik und Tanz konsequent aktualisiert hat. Neben eigens für die Show komponierten Songs und Musikstücken von schwedischen Popstars wie Moneybrother und Lune oder DJs wie Salem Al Fakir steht Peter Tschaikovskys unsterbliche „Schwanensee“-Musik im Mittelpunkt. Die ist tatsächlich remixed und mit modernen Beats unterlegt worden, ohne aber deshalb den Zauber ihrer musikalischen Motive dranzugeben.

Furiose Tanzszenen mit Streetdance-Einlagen

Verzichtet hat Rydman hingegen auf eine Interpretation der klassischen Ballett-Choreographie. Er hat eigene furiose Tanzszenen geschaffen. Die adaptieren zeitgenössischen Tanz und verblüffen immer wieder mit jenen spektakulären Streetdance-Einlagen, für die schon „Bounce“ berühmt war.

„Swan Lake Reloaded“ ist in der Jahrhunderthalle Frankfurt am 5. und 6. März jeweils um 20 Uhr, am 9. März um 15 und um 20 Uhr sowie am 10. März um 14 Uhr zu sehen.

Mit einigen der Tänzern aus seiner alten Truppe arbeitet Rydman nun auch bei „Swan Lake“ zusammen, etwa mit Maria Andersson, die die Odette spielt oder mit Robert Malm Borg, der hier ein unter der Kuratel seiner Mutter stehendes Bürgersöhnchen namens Siegfried gibt. Star der Show ist allerdings Daniel Koivunen, der einen derart charismatischen Rotbart tanzt, dass man fast vergessen möchte, wie grausam dieser Drogenhändler und Zuhälter eigentlich ist. Wie Andersson und Borg ist auch Koivunen Absolvent der Königlichen Schwedischen Ballettschule, ohne aber je in „klassischen“ Ballettaufführungen mitgewirkt zu haben. „Im Modernen Zweig dieser Schule lernten wir zwar die Techniken des Balletts, doch haben wir alle zu spät mit dieser Form des Tanzes angefangen, um als Balletttänzer bestehen zu können“, berichten die drei. Stattdessen sind sie wahre Meister in unterschiedlichsten modernen Tanzformen und tragen so ganz wesentlich zum hohen Tempo und Schwung dieser „Schwanensee“-Interpretation bei, die auch mit einer bemerkenswerten Szenografie voller sehenswerter Licht- und Technikeffekte fasziniert.

Quelle: op-online.de

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