„Swan Lake Reloaded“: Das gewisse Etwas

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Fredrik Rydmans Tanztheater versetzt Tschaikowskys Ballettmusik „Schwanensee“ in ein ungewöhnliches Milieu.

Frankfurt - Wer bei der Produktion „Swan Lake Reloaded“ mittanzen will, muss vor allem fit sein. Bei einem Casting in London wurden Tänzer begutachtet. Von Christian Riethmüller 

Aus dem Stand lässt sich der junge Mann im roten T-Shirt mit Aufschrift „Hip Hop lives“ auf seine Hände fallen, stemmt sich in den Handstand, rollt ab und dreht auf dem Rücken schnelle Kreise, bevor er sich auf einem Arm erneut emporstemmt und nun auf einer Hand steht. Die Umstehenden applaudieren und gratulieren ihm zu dieser Figur, die er in einer einzigen fließenden Bewegung vorführte. Schnell tun es ihm einige andere Tänzer nach, zeigen Pirouetten oder drehen sich im Kopfstand wie ein Kreisel. Was an eine „Breakdance-Battle“ denken lässt, ist purer Zeitvertreib und Spaß. In einem zweistöckigen Gebäude voller Trainigsräume im Londoner Stadtteil Islington ist gerade Pause, als sich die Gruppe junger Männer gegenseitig ihre besten HipHop- und Breakdance-Moves vorführt.

„Tolle Tricks“, sagt Jennie Widegren, „aber solche Tänzer suchen wir nicht.“ Die schwedische Balletteuse und Choreographin gehört zum Team der Show „Swan Lake Reloaded“, das bei sogenannten Open Auditions in London und Stockholm neue Darsteller sichtet. Widegren hat selbst viele Jahre auf der Bühne getanzt, gehörte dem erfolgreichen schwedischen Ensemble „Bounce“ an und arbeitet seit Jugendtagen mit Fredrik Rydman zusammen, Regisseur und Choreograph der gewagten Adaption des Ballett-Klassikers. Widegren bisher in der Rolle der Mutter aktiv, weiß also, was auf der Bühne verlangt wird.

„Akrobatik ist da weniger gefragt, dafür aber jede Menge Ausdauer“

„Akrobatik ist da weniger gefragt, dafür aber jede Menge Ausdauer“, sortiert sie gleich eine ganze Reihe Bewerber aus. „Ich kann einem ausgebildeten Tänzer in wenigen Tagen Choreographien beibringen. Doch wir haben nicht die Zeit, mit ihnen ein Fitness-Programm zu absolvieren.“ Deshalb achtet sie bei den Massenszenen, bei denen Gruppen von etwa 20 Bewerbern in bestimmten Schrittfolgen tanzen, auf Atmung und Sprungkraft. „Wenn ein Tänzer schon nach fünf Minuten durchschnaufen muss, wird er nicht die anderthalbstündige Show bestehen können“, ist sich Widegren sicher. „HipHop-Tänzer trainieren besonders spektakuläre Moves und Figuren, die aber vielleicht nur eine Minute dauern.“

Gut zwei Drittel der 300 jungen Frauen und Männer, die sich auf den Weg nach Islington gemacht haben, werden gleich am ersten Vormittag der auf zwei Tage angesetzten Auditions wieder weggeschickt. Aber auch die gut 70 Tänzerinnen und Tänzer, die als Schwäne oder Prinz Siegfried, als böser Rothbart oder als Jester in Frage kommen, wissen nicht genau, was es mit „Schwanensee“ oder gar mit der im Drogen- und Prostituierten-Milieu spielenden „Reloaded“-Version auf sich hat, die Peter Tschaikowskys berühmte Komposition einem Remix unterzogen hat, ergänzt von eigens komponierte HipHop- und Popsongs.

Wie New York gilt London als Casting-Hochburg für unterschiedlichste internationale Produktionen. Eine junge Frau erzählt, sie sei extra für zwei Wochen aus Australien eingeflogen, um einen Bewerbungsmarathon zu absolvieren. Sich gezielt auf eine Rolle vorzubereiten, ist bei solcher Terminhatz kaum möglich. Fredrik Rydman ist deshalb auch nicht sonderlich verwundert, dass etliche der Bewerber Tschaikowskys Musik gar nicht kennen oder nur die einprägsamsten Motiven schon einmal gehört haben. „Ich lernte Tschaikowskys Musik auch erst kennen, als ich schon einem Ballett-Ensemble in Schweden angehörte“, erinnert sich der Regisseur, den bei der improvisierten Probe der potenziellen Siegfriede vor allem interessiert, wie schnell die Bewerber die Musik adaptieren und in tänzerische Figuren umzusetzen vermögen.

Tanzende Krankenschwestern in Thailand

Tanzende Krankenschwestern in Thailand

Er scheint zufrieden. Obwohl die jungen Männer gestenreich eine schwierige Schrittfolge vorführen müssen, in zufällig zusammengestellten Zweiergruppen obendrein, sieht das Resultat nach zwei, drei Durchgängen schon recht ansehnlich aus.

„Swan Lake Reloaded“ ist von 11. bis 16. Februar in der Jahrhunderthalle Frankfurt zu sehen. Aufführungen von Dienstag bis Samstag jeweils um 20 Uhr, am Samstag und Sonntag um 15 Uhr.

Mit seinem Tablet-Computer filmt Rydman die Proben, zu denen am zweiten Tag weitere 31 Kandidaten eingeladen sind. Der Choreograph und seine Kollegin haben den ein oder anderen Aspiranten schon in die engere Wahl genommen, wollen aber noch keine Entscheidung treffen. „Diese Kandidaten haben etwas, aber wir müssen noch viel mehr sehen.“

Welcher Schritt, welcher Move letztlich der entscheidende war, wird Rydmans und Widegrens Geheimnis bleiben. Zahlreiche neue Ensemble-Mitglieder haben die beiden erst bei einem weiteren Casting-Termin in Stockholm gefunden. Doch ihre Hauptdarsteller entdeckten sie in London. Stefan Puxon wird den Prinzen Siegfried spielen und Joshua Kinsella den charismatischen Bösewicht Rotbarth darstellen. Der braucht übrigens keine tänzerischen Tricks wie die Breakdance-Akrobaten in der Pause. Nur Ausstrahlung.

Quelle: op-online.de

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