Tagebücher eines Bahnfahrers

„Buchstaben mit Betonung in Farbe“ von Karl Heinz Thiel

Offenbach - Vom 26. bis 28. April öffnen Ateliers, Galerien, Ausstellungsräume und Museen anlässlich der Offenbacher Kunstansichten ihre Türen. Einige der Beteiligten stellen wir in loser Folge vor. Von Reinhold Gries

Wie in der Senefelderstraße 16 H stellt man sich ein typisches Künstleratelier im Offenbacher Hinterhof vor, prall gefüllt mit Malgründen, Künstlerbüchern, Ölfarbtuben, farbgetränkten Wischlappen sowie vielen Gefäßen mit Farbpigmenten und Malmitteln. Man sieht und riecht es: Karl Heinz Thiel stellt fast alles selber her, auch das mit Leinöl getränkte oder mit Schellack versiegelte Papier, das er für seine ganz speziellen Reisen braucht.

„Wenn etwas nicht so stark wird beim Arbeiten, hat man die Hoffnung aufs nächste Blatt“, formuliert er ein Prinzip seiner „ZugReiseBücher“, die mit festen Einbänden und in Ölfarbe geritzten Aufschriften Regale füllen. Thiel, der Stadtmensch aus dem Westerwald, unternimmt per Bahn drei bis vier Reisen pro Jahr – von Frankfurt nach Berlin, Amsterdam, Paris oder Mailand – nicht nur, um sich vor Ort auf den neuesten Stand der Kunst zu bringen.

Diese „Expeditionen“ sind strategisch vorbereitete und durchgetaktete Unternehmungen, bei denen Thiel immer ein Buch mit 128 leeren, oft vorbehandelten Blättern dabei hat. Auf der Hinfahrt füllt er genau 64 Seiten, retour die andere Hälfte. Zeiteinheiten für die Gestaltung eine Buchseite werden nach dem Quotienten zwischen Gesamtfahrzeit und Seitenzahl berechnet.

Wenn es weiter weg geht, hat Thiel mehr Zeit, das ins Künstlerbuch hineinzuarbeiten, was er bei der Fahrt aufnimmt: Lautsprecherdurchsagen und Werbeplakate, Aufschriften und vorbeiziehende Landschaft, Gesprächsfetzen, Ereignisse im Waggon und außerhalb.

Durchs strenge Spiel mit der Geschwindigkeit ist viel Zug drin in Thiels Stifthieben und Wellen, Bleistiftkonturen und Notationen. Manche Blätter wirken wie Partituren und Texturen Neuer Musik. Wohl kein Zufall, denn der Künstler liebt es „zwischen Qual und Abenteuer“ getrieben zu sein von vorgegebenem Rhythmus, wie er ihn in Rock- und Jazzmusik mag.

Für seine nur im Atelier entstehenden 52-seitigen „Gedankenbücher“ hat Thiel mehr Zeit. Diese verwandelt er in opulente Farbflächen, wie ein Sgraffito mit Zeichen, Buchstaben und Zahlen durchsetzt. „Ich arbeite in feuchte Ölfarbe hinein, auch mit Stift und Schraubenzieher, spachtele und wische oft mit dem Lappen etwas weg“, beschreibt er sein Procedere, bei dem Vertiefungen der Malfläche oft wie Tiefdruckplatten wirken.

Größere Experimentierfelder sind seine auf feste Leinwände kaschierten Papiere oder Kartons von 100 mal 140 Zentimetern, beim Quer- wie beim Hochformat in der Mitte geteilt wie ein Diptychon. Auf solchem Spielfeld erkundet Thiel neue Kontraste und Farbklänge zwischen kalt und warm, hell und dunkel, trüb und leuchtend oder komplementäre Farbpaare. Durch die Vielzahl kaum lesbarer, eingefügter, eingetauchter und gestreuter Hieroglyphen, Zahlen und Chiffren gewinnen die Farbfelder eine eigentümliche Lebendigkeit – auch wenn Zeichen wie zwischen Notenlinien hin und her springen.

Das Betrachten kunstvoll gefügter Schichten und Texturen wie bei „Gedankenlandkarte“, „Denken, wo Worte noch fehlen“ oder „Komplementäre Gedankenwelten“ ist nicht ohne Anspruch. Man muss sich - mit Auge und Gefühl - regelrecht in Bildgründe hineinwühlen, um zu spüren, mit welcher Leidenschaft und Konzentration Thiel zu Werke geht.

Quelle: op-online.de

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