Hingebungsvolle Tänze

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Höchste Anerkennung für die besten Tänzer: Das Musical „Tanguera“ erinnert an die goldenen Jahre des Tango in Buenos Aires.

Frankfurt - „Der Tango”, schrieb George Bernard Shaw einmal, „ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens. ” Shaws Bonmot spielt nicht nur auf die Sinnlichkeit des Tanzes an, sondern auch auf seine vermeintliche Herkunft. Von Christian Riethmüller

Obwohl sich der Tango aus den verschiedensten Volkstänzen wie der kreolischen Candombe, der kubanischen Habanera und der Milonga entwickelte und auch europäische Tänze wie die Mazurka, die Polka, der Walzer und der Ländler ein wichtiger Einfluss waren, haftete dem Tango lange der Ruch an, direkt in den Bordellen von Buenos Aires und Montevideo entstanden zu sein. Tatsächlich erlangte der Tango in den Hafen- und Einwanderervierteln am Rio de la Plata seine erste große Popularität, doch war er eigentlich schon seit 1890 fester Bestandteil der Volkskultur in Argentinien und Uruguay geworden.

Seinen zweifelhaften Ruf sollte er trotzdem noch einige Jahrzehnte lang behalten. Von dem berühmten argentinischen Komponisten Astor Piazzolla ist die Anekdote überliefert, dass er sogar noch zu Zeiten, als bereits die ganze Welt Tango tanzte, sich seiner Vergangenheit als Tangomusiker so sehr schämte, dass er sie einfach verschwieg. Piazzolla hatte als junger Musiker in Kabaretts und Bordellen gespielt und etliche Tangos komponiert, doch diese Musik war für ihn trotzdem ein Synonym für Unterwelt. Erst seine Kompositionslehrerin, die legendäre Musikpädagogin Nadia Boulanger, öffnete ihm die Augen. Der Stipendiat Piazzolla hatte seiner Lehrerin in Paris verschiedene Partituren vorgelegt, in denen diese zwar Einflüsse von Ravel, Strawinsky und Hindemith, aber keine individuelle Note entdeckte. Sie bat ihren Schüler daraufhin, einen Tango am Klavier zu spielen. Die Standpauke folgte auf den Fuß. Boulanger zieh Piazzolla einen „Idioten”, der nicht merke, „dass dies der wahre Piazzolla ist, nicht jener andere. Du kannst die gesamte andere Musik fortschmeißen.” Der argentinische Komponist beherzigte diesen Rat. Seine Werke erneuerten den Tango und verschafften der Musik Weltgeltung.

Mit dem Aufstieg von Piazzollas Tango Nuevo in die Hochkultur, verfiel der eigentliche Tango gleichsam in einen Dornröschenschlaf. Das „Goldene Zeitalter des Tango”, das in Argentinien und Uruguay von 1935 bis 1955 währte und mit unsterblichen Namen wie Carlos Gardel verbunden ist, war da schon vorüber. Der Tanz gehörte zwar längst zum Welttanzprogramm, doch populär war er nicht mehr.

Erst in den achtziger Jahren erwachte allmählich wieder das Interesse am Tango, was wahrscheinlich auch der immens erfolgreichen Bühnenshow „Tango Argentino” und dem Nachfolgeprojekt „Tango Pasión” geschuldet war, die jahrelang durch die ganze Welt tourten und vor allem in Europa, aber auch in Nordamerika und Japan eine neue Begeisterung für den originalen Tango auslösten. Auch in Argentinien besann man sich der Tradition. Neue Tanzsäle wurden eröffnet und eigene Shows auf die Beine gestellt.

Die wiederentflammte Leidenschaft für den Tango war auch Inspiration für die argentinische Produktion „Tanguera”, die aber weit über herkömmliche Tanzshows hinausragt. Das weltweit erste Tango-Musical, das im Januar 2002 im Teatro El Nacional in Buenos Aires uraufgeführt wurde, will nicht nur mit virtuosen Choreographien erstaunen, sondern auch die Geschichte des Tango von seinen Anfängen in den Hafenvierteln bis zu seiner Goldenen Ära erzählen.

Der Theaterregisseur Omar Pacheco und seine Co-Autoren Diego Romay und Dolores Espeja haben sich dazu die Geschichte der jungen französischen Immigrantin Giselle ausgedacht, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts durch ein falsches Heiratsversprechen nach Argentinien gelockt wird. Doch dort wartet nur der für die Mafia arbeitende Zuhälter Gaudencio auf sie. Giselle landet in der Prostitution und tanzt in einem heruntergekommenen Nachtclub. Ihr großes Tanztalent lässt sie schnell als „Tanguera” zum gefeierten Star des Cabarets aufsteigen, die von allen Männern begehrt wird. Auch der junge Hafenarbeiter Lorenzo verliert sein Herz an Giselle. Um sie zu erobern, muss er aber erst die Gesetze der Unterwelt lernen, in der nur Anerkennung findet, wer meisterlich zu tanzen und ebenso meisterlich mit dem Messer zu kämpfen versteht. Außerdem steht Lorenzo der mächtige Gaudencio im Weg, der nicht zulassen kann, seine Frau an einen anderen zu verlieren.

„Tanguera“ ist von 26. bis 30. Juni in der Alten Oper Frankfurt zu sehen.

Diese dramatische Geschichte greifen auch Mora Godoys Choreographien auf, die sowohl den klassischen Tango Salon als auch den artistischen Bühnentango in Perfektion bieten. Auch deshalb ist „Tanguera”, zu dem Gerardo Gardelin und Lisando Adrober etliche Tango-Klassiker neu arrangierten, aber auch eigene Kompositionen beisteuerten, bis heute in aller Welt ein Erfolg.

Quelle: op-online.de

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