Tausche Waldhorn gegen Karriere

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Klaus Florian Vogt und Sebastian Weigle

Frankfurt - Das Waldhorn stand am Anfang: Sebastian Weigle, Frankfurter Generalmusikdirektor, war Solohornist der Berliner Staatskapelle, bevor er als Dirigent Furore machte. Tenor Klaus Florian Vogt hatte die Position beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg inne, um dann als Opernsänger weltweit zu reüssieren. Von Klaus Ackermann

Beide haben auch in diesem Jahr die Bayreuther „Meistersinger“ beflügelt. Und stehen jetzt bei einer Opern-Rarität an vorderster Front: Erich Wolfgang Korngolds „Tote Stadt“ hat am Sonntag am Willy-Brandt-Platz Premiere. In der Inszenierung von Anselm Weber, mit Tatiana Pavlovskaya und der legendären Hedwig Fassbender in weiteren Rollen.

„Die tote Stadt“ in Wien, Amsterdam und jetzt in Frankfurt – die Zeit scheint reif für den Wiener Korngold (1897-1957), der 1933 nach Hollywood emigriert war. Weigle sieht in der Wiederentdeckung die „Sehnsucht nach musikalischer Schönheit und Glanz“. Nach einer Musik, die von innen glühe. Mit Wagnerschem Chroma, dem breiten, aber immer beweglichen Klangfluss eines Richard Strauss und dem satten Melos eines Puccini.

Hitchcock-Krimi tiefenpsychologisch entschlüsselt

Die tote Stadt ist Brügge, wo der Witwer Paul seine verstorbene Marie betrauert, bis er der jungen Tänzerin Marietta begegnet, die ihn magisch anzieht, weil sie seiner Frau frappierend ähnlich sieht, eine Verbindung, die mörderisch enden soll. „Eine gespaltene Persönlichkeit“, sagt Klaus Florian Vogt über die von ihm verkörperte Figur. Den Hitchcock-Krimi hat Regisseur Weber tiefenpsychologisch entschlüsselt, der zudem „eine gespenstische Totenverehrung beleuchtet, die ideal harmoniert mit Korngolds gruftigen, erdigen Opernklängen“, weiß Weigle. Da sei vor allem die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben ein nicht zu unterschätzendes Problem.

Ich bräuchte eigentlich eine dritte oder vierte Hand, um meine Musiker zu bremsen, denen diese vielschichtige, vielfarbige Musik ungemein Spaß macht“, so Weigle. „Und bei überschwänglicher Freude wird’s meist laut.“ Das kann freilich den Wagner-Tenor kaum erschüttern, der sich über „Tristan“ und „Tannhäuser“ allmählich der mörderischen „Siegfried“- Partie nähert. Vogt liebt die Herausforderung. In Bayreuth musste er sich als Stolzing in Katharina Wagners „Meistersinger“ als Maler betätigen.

Zum Pianisten hat es nicht gereicht

Beide stammen aus Elternhäusern, in denen viel musiziert wurde. Weigles Vater war Landeskirchenmusikdirektor in Berlin-Brandenburg. „Da ging musikalisch immer was“, erinnert sich der GMD. Da Weigle kein begnadeter Pianist war, sollte er Hornist werden. Zumal der Lehrer nur sechs Straßenbahn-Minuten entfernt wohnte...

Auch bei Vogts im Holsteinischen fehlte ein Hornist fürs Blasquintett. Schweiß und Tränen seien geflossen, versichern beide. Denn das Waldhorn ist schwierig zu handhaben, weil die Töne so dicht beieinander sind. Vogts Schlüsselerlebnis war eine Familienfeier, für die er mit seiner Frau, einer Sängerin, ein Duett einstudiert hatte. Fortan spielte die Stimme gleichsam erste Geige. Weigle hat schon im Orchestergraben Partitur mitgelesen – und sich dann einfach mal mit dem Taktstock vor die Kollegen getraut.

Klaus Florian Vogt reist übrigens gern im selbst pilotierten Flugzeug zu den Engagements, was Weigle ein gequältes Lächeln entlockt. Das wiederum kann der Tenor überhaupt nicht verstehen. Schließlich fliege er immer rechtzeitig los ...

Quelle: op-online.de

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