Tenoraler Kraftprotz mit schönen Herztönen

Hahnenkämpfe überall im „Siegfried“, zweiter Tag des „Ring des Nibelungen“. Gottvater Wotan gegen Wurm Alberich, Siegfried gegen Ziehvater Mime und Bayreuths Dirigierguru Christian Thielemann gegen Titelheld Christian Franz. Sie beleben ein Stück Richard Wagners, in dem Regisseur Tankred Dorst nachweist, dass göttliche Wesen und Unwesen unter uns sind – freilich unsichtbar, allenfalls von Kindern erkannt. Von Klaus Ackermann

Denn „Merlin-Welt“-Entdecker Dorst hat die Schlagzahl erhöht. Wäre da nicht der von Thielemann und Festspielorchester intensiv erkundete dritte Akt mit dem längsten Liebesduett der Operngeschichte, man könnte sich auf einer tenoralen Kraftsportveranstaltung wähnen. Ein wilder Pubertäter, dieser Siegfried, der seinen vermeintlichen Vater zwackt, bis Mime mit der Wahrheit herausrückt über die Mutter, die während seiner Geburt starb und ihm ein zerbrochenes Schwert hinterließ: Nothung neu zu schmieden, um Drachen zu töten, ist das Gebot.

Christian Franz, neu in der Stimmen verschleißenden Titelrolle, singt, haut aufs Metall und muss sich dazu des orchestralen Vortriebs von Thielemann erwehren. So einen Kampf auf Rasierklingenschneide hat man in Bayreuth noch nicht erlebt. Da haben sich zwei Alpha-Tiere in der Wolle. Franz deutet gar ironisch Dirigierbewegungen an. Und stemmt sich erfolgreich gegen die Blech-Fluten, wenn er, wütend wegen Mimes Schulmeisterei, den Chemie- und Biologiesaal samt Kinderbett kurz und klein schlägt. Ein Kraftprotz, dem die strapaziöse Tour offenbar nicht lang genug sein kann, der aber auch in insistierend schönen Tönen Herz zeigt.

Geht man davon aus, dass Wagner dem vierteiligen „Ring“ eine Sonatenform überordnete, so ist der dritte Satz, „Siegfried“, das Scherzo – mit zwei Totschlägen im abgeholzten Wald, auf dessen Torso zwei Arbeiter unter einem Zelt werkeln. Natur gezeichnet von moderner Zivilisation (Dorst). Überraschend tut sich eine Schlucht auf, die Neidhöhle darunter, wo ein verschlafener Drache (Ain Angers Bass vermittelt Grabesruh) Gold, Ring und Tarnkappe bewacht. Beim märchenhaften Kampf im blutroten Nebel scheint der Lindwurm zu Dracula mutiert, um Siegfried als sterbender Riese Fafner vor der Schlechtigkeit seines Umfelds zu warnen.

Den Ring-Urheber Alberich (Bassbariton Andrew Shore in gewohnter Schurken-Form) hat Wotan, der Wanderer, in Schranken gewiesen: Albert Dohmens gradliniger Bass wirkt in der Tiefe etwas brüchig. Mime, Alberichs Bruder, will ebenfalls an die Macht durch den „Ring“ und würde dafür Siegfried opfern. Doch die Stimme des Waldvogels (Christine Kohl mit verhaltenem Zwitschersopran) warnt den jungen Helden vor der Giftflasche, der seinen Ziehvater erschlägt. Neuer Mime ist Wolfgang Schmidt, der schon den Siegfried sang. Als Verführer wie als Gemobbter scheint er stimmlich in Demutshaltung, lässt freilich – nach Parlando-Schongang – seinen Tenor blitzsauber strahlen.

Siegfried, der so dramatisch die Härten des Heldenlebens vorgeführt hatte, geht in sich. Im romantischen „Waldweben“, das Pultmagier Thielemann wie mit Blütenduft umgibt, starker Kontrast zu dem Baumstumpf, an den Siegfried lehnt. Dessen Hornruf hat zwar virtuosen Biss, aber zwei kleine Aussetzer. Vom Waldvogel instruiert, zieht Siegfried zum Steinbruch, wo Brünnhilde im Feuerkreis des Prinzen harrt, dem auch Wotan den Weg nicht verstellen kann, der bei Urmutter Erda (Christa Mayer als galaktische Larve mit beschwörendem Alt) vergeblich Rat suchte.

Zeit der Liebesidylle, der Feuerzauber scheint das Festspielorchester zu beflügeln. Wie in Großaufnahme unterstreicht es mit weichen Blech- und sinnlichen Holzpassagen Siegfrieds Schmusekurs. Bis es auch bei Brünnhilde funkt, die seelenvolle Töne beisteuert; aber mit so viel Druck in der Höhe, dass just der letzte Ton kippt: „Leuchtende Liebe, lachender Tod!“ Der Götter Dämmerung ist nahe ...

Quelle: op-online.de

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