Texte aus einer versunkenen Welt

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Fesselnder Leser: Schauspieler Zischler 

Offenbach - Österreicher, Jude, Schriftsteller, Humanist, Pazifist: Stefan Zweig hat die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts aus der Nähe erlebt. Von Markus Terharn

Einblick in Denken und Dichten des zu Lebzeiten (1881-1942) und bis heute höchst erfolgreichen Autors haben die Dienemann/Formstecher-Gesellschaft und das städtische Kulturbüro bei der Offenbacher Lesung im gut gefüllten Büsingpalais gewährt.

Dem Schauspieler Hanns Zischler nimmt das Publikum ab, dass er geistig durchdringt, was er liest. Zwei interessante Texte hat er einander gegenübergestellt. Die „Sommernovellette“ (1911) breitet ein scheinbar harmloses Urlaubsidyll vor dem großen Krieg aus. Zischlers angenehme Stimme schwelgt in der Schilderung norditalienischer Landschaft, in der erotische Spannung entsteht, als ein alternder Mann Liebesbriefe an ein reifendes Mädchen schickt – gewagtes Spiel mit zarten Gefühlen. Das plötzlich umschlägt, als Erzähler und Zuhörer darüber diskutieren, ob dies der Stoff zu einer Novelle wäre. Ein Bruch, den Zischler unangestrengt bewältigt.

Den wachen Zeitgenossen Zweig zeigen Auszüge aus der Autobiografie „Die Welt von Gestern“, vor dem Freitod als Abgesang auf das alte Europa geschrieben – ein lebhaftes Porträt des Judenstaat-Visionärs Theodor Herzl; ein erhellender Vergleich der Kriegsbegeisterung von 1914 mit der Pflichterfüllung von 1939; vor allem aber der erschütternde Bericht vom Tod der 84-jährigen Mutter kurz nach dem Einzug der Nazis in Wien, worauf der Sohn sie glücklich preist, „nicht länger unter solchen Menschen leben zu müssen“. Auch da trifft Zischler jeden Ton.

Diesem klugen literarischen Konzept entspricht die Auswahl der Musik. Ausdrucksstark gestalten Sopranistin Carola Schlüter und Pianist Olaf Josch Max Regers Vertonung des Zweig-Gedichts „Ich wollte singen von früh bis spät“, ein Richard-Strauss-Stück auf Zweigs Libretto zur Oper „Die schweigsame Frau“ und zwei Rückert-Vertonungen Gustav Mahlers. Bei dem berühmten „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ erschließt sich der Bezug zum Gelesenen von selbst...

Quelle: op-online.de

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