Wer sehen will, muss fühlen

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Super-Talent: Tommy (Leo Miles) ist zum König des Flipperautomaten aufgestiegen.

Frankfurt - Der Kerl spielt wirklich einen fiesen Ball, blind, taub und stumm, wie er ist. Aber Tommy Walker gilt ja nicht umsonst als König des Flipperautomaten, oder besser, als „Pinball Wizard“. Von Christian Riethmüller

Walker ist selbstverständlich d e r „Tommy“, Protagonist der ersten und bis heute auch berühmtesten Rockoper, die Pete Townsend 1969 für seine Band The Who ersann. Erst nur ein Konzeptalbum, dann doch für die Bühne aufbereitet und 1975 von Ken Russell fürs Kino verfilmt, erhielt „The Who’s Tommy“ aber erst in der Musical-Version, die Townsend und der Autor Des McAnuff 1993 vorlegten, seine heute bekannte Form. Die wurde mit großem Erfolg am Broadway gezeigt und sollte von 1995 auch Offenbach als feste Musical-Stätte auf der Landkarte etablieren. Dort im „Capitol“ währte die Geschichte aber nur etwas länger als ein Jahr, bevor „Tommy“ aus finanziellen Gründen abgesetzt werden musste.

Der Popularität des Stücks haben die Ereignisse von damals aber nichts anhaben könnte, wie nun das English Theatre Frankfurt mit Entzücken feststellen darf. Kaum ist dort nämlich „The Who’s Tommy“ unter Regie von Ryan McBryde angelaufen, sind bereits über 10.000 Karten allein im Vorverkauf geordert worden. Die Besucher werden es nicht bereuen müssen, denn die Inszenierung in einem karg gehaltenenen Bühnenbild von Diego Pitarch kann sich sehen lassen, was sowohl Tapio Snellmans Videodesign als auch der zupackend und knackig aufspielenden Band unter Leitung von Thomas Lorey, vor allem aber dem spielfreudigen Ensemble zu verdanken ist. Das intoniert die zu Duetten oder gleich Chören umgeschriebenen und zu „Westside Story“-ähnlichen Choreografien dargebotenenen Rockklassiker wie eben „Pinball Wizard“, „I’m Free“ oder „See Me, Feel Me“ mit solchem Schwung, dass die berühmten Originale zumindest nicht ständig im Hinterkopf als Vergleichsmaßstab herhalten müssen.

Hauptdarsteller Leo Miles hat zu kämpfen

Am schwersten hat hier Hauptdarsteller Leo Miles zu kämpfen, der nicht nur optisch, sondern auch stimmlich das Gegenteil von „The Who“-Frontmann Roger Daltrey ist. Wie Miles sich aber allmählich die Rolle aneignet und der Tommy-Figur gleich an Statur gewinnt, ist interessant zu beobachten. Vom schwer traumatisierten Kind, das einst Zeuge einer Bluttat wurde, an der seine Eltern beteiligt waren, über die Inselbegabung als Meister des Flipperautomaten bis zur messianischen Gestalt, die die Massen elektrisiert, ist es schließlich ein weiter Weg.

So verrückt, wie Pete Townsend einst die Idee vorgekommen sein mag, einen taubstummen Blinden ausgerechnet über die intuitive Beherrschung von Spielautomaten zum Star aufsteigen zu lassen, erscheint sie aus heutiger Sicht gar nicht mehr, werden doch nun schon Menschen auch ohne jegliches Talent zu „Superstars“ oder „Idolen“ erklärt. So gesehen, ist „The Who’s Tommy“ so zeitlos wie die vielen Hits, die in dem Rock-Musical erklingen.

„The Who’s Tommy“ bis 12. Februar 2012 im English Theatre Frankfurt. Karten gibt es unter Telefonnummer: 069 24231620.

Quelle: op-online.de

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