Theater gut durchlüftet

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Kehraus am Frankfurter Schauspiel: Christian Kuchenbuch räumt auf.

Der Passant ist der Protagonist in Peter Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Das Stück, 1992 von Claus Peymann am Wiener Burgtheater uraufgeführt, besteht aus nichts als gut 60 Seiten Regieanweisung. Kein Text, keine Dialoge. Von Stefan Michalzik

Keine Handlung. Um die 300 Menschen kreuzen einen kleinstädtischen Platz, hinter jedem steht eine Geschichte. Über die zu mutmaßen bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Ersonnen hat Handke die Idee unter dem Eindruck einiger voyeuristisch verbrachter Stunden in einem norditalienischen Straßencafé.

Regisseurin Wanda Golonka, die zum Abschluss der Intendanz von Elisabeth Schweeger am Frankfurter Schauspiel mit Handke sämtliche 33 Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles auf die Bühne bringt, hat den weiten schwarzen Raum bis auf die Brandmauern aufgerissen sowie mit Rasen- und Kiesflächen versehen. In einem Bassin lässt es sich planschen. Nicht Sonnen-, sondern Regenschirme sind über einigen verstreuten Kaffeehausstühlen aufgespannt.

Dort ziehen sie vorüber: Diven und Gestrandete, Flaneure, Selbstdarsteller und Autisten, die Feuerwehr und ein zu Tode betrübter Fußballfan, Reisegruppen und eine Flugzeugbesatzung. Papageno und Tarzan. Geburt, Hochzeit und Tod, Tag und Nacht, Gewitter und Hubschraubergedröhn. Ein Falke und zwei Hunde ... Eineinhalb Stunden lang.

Glücklich muss mit dieser Inszenierung niemand werden. Handke ging es um den Menschen und das Leben, Golonka lässt Theaterfiguren Revue passieren. Vieles wirkt erzwungen, angelegt auf die hübsche Nummer für Schauspieler. Es passiert zu viel und am Ende doch zu wenig. Diese Finalvorstellung war rauschend, aber nicht glänzend. Ein Feuerwerk, eine allzu nette Idee, kein Paukenschlag.

Eine gelöst und glücklich wirkende Intendantin verbeugte sich am Schluss im Kreis des Ensembles. Der Beifall war herzlich: Sie und die Stadt haben sich doch noch gefunden, auch wenn es bis zuletzt kein einfaches Verhältnis gewesen ist.

Elisabeth Schweeger war angetreten, frischen Wind ins Stadttheater zu bringen. Dafür hatte sie zunächst nicht die richtigen Mittel gefunden, dann aufmerksam nachjustiert und es doch geschafft – mit einnehmend viel Schwung, Energie und Schärfe. Regisseur Armin Petras stand markant für eine Erneuerung der Arbeit am Theatertext, Wanda Golonka, ursprünglich Choreografin, für jenen Zweig, der sich gänzlich anderer Formen bediente – und für den es einen Text eben nicht mehr unbedingt brauchte.

Weitere und letzte Aufführungen am 5. und 6. Juni.

Glanzlichter gab es über Petras’ zum Berliner Theatertreffen geladene Schleef-Inszenierung „Gertrud“ hinaus viele. Und ein starkes Ensemble. Das Haus ist gut durchlüftet. Oliver Reese, der Nachfolger, mag ein eher ausgleichender als offensiver Charakter sein. Was er vorhat, gibt Anlass zu Hoffnung.

Quelle: op-online.de

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