Theater als Erkundung

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Männersache: Die Schauspieler von Shakespeare und Partner besetzen viele Rollen und schlüpfen dabei in Frauenkleider.

Heinrich VIII. war der Idealtypus des instinktsicheren Machtpolitikers. Intrigen und Ränkespiele um ihn herum – er aber ging immer unbeschadet daraus hervor. Nach Interessenlage säbelte er unliebsam gewordene Kräfte einfach ab. Von Stefan Michalzik

Was die Frauen anbelangt, nahm er das Modell der seriellen Partnerschaft, Hinterlassenschaft der sexuellen Revolution in den Sechziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, auf seine Weise vorweg. Acht Mal ist er verheiratet gewesen. Ein Stammhalter sollte her. Frauen, die ihn nicht hervorbrachten, wurden, sofern sie nicht zu rechten Zeit selber starben, kurzerhand hingerichtet.

Shakespeares letztes Historiendrama, das unter seinem ursprünglichen Titel „Alles ist wahr“ in einer Inszenierung von Shakespeare und Partner in der Burgruine Dreieichenhain aufgeführt wurde, wird schon lange kaum noch gespielt. Sein stärkstes Stück ist es fraglos nicht. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts geht der Expertenstreit darüber, ob es sich überhaupt um einen echten Shakespeare handelt. Inzwischen gilt es als wahrscheinlich, dass der Dramatikerkollege John Fletcher zumindest mit am Werk gewesen ist.

Die unter der Regie von Jakob Fedler und Markus Weckesser entstandene Inszenierung besinnt sich auf die Theatermittel der Entstehungszeit. Man verwendet eine geschmeidige, erstmals benutzte neue Übersetzung der Verse durch Werner Buhss. Die fünf Spieler betreten in Straßenkleidung das Podest, auf dem und um das herum gespielt wird, und beginnen mit der Theatererzählung. Das Maß an Requisiten – Ausstattung Hannah Hamburger – ist minimal, wie es im elisabethanischen Theater üblich gewesen ist. Auf die Zeit Shakespeares geht auch die Gepflogenheit zurück, alle Rollen, auch die weiblichen, von Männern spielen zu lassen.

Stanniolkrone und der hochgestellte Kragen eines ganz gewöhnlichen Hemdes: Den König spielt der – vermutlich unpatriarchale – Theaterpatriarch Norbert Kentrup, einst Mitbegründer der Bremer Shakespeare Company. Sämtliche Spieler, neben Kentrup Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Jan Maak und Urs Stämpfli, wechseln zwischen bis zu vier Rollen,

Das Spiel ist – ohne Alberei – eines im komödiantischen Geiste. Es wird viel und lebhaft gestikuliert in diesem Theater der klaren Wirkungen. Um Haltung geht es hier, nicht um Psychologie. Eine willkürliche Aktualisierung wird unterlassen und vielmehr auf eine sich aus der Vorlage ergebende Überzeitlichkeit verwiesen. Den Spielern ist ein hohes Maß an Beweglichkeit und Präsenz zu bescheinigen. Den Charakter einer theatralischen Erkundung des Stoffes thematisiert die Inszenierung an einer Stelle selbst. Der schlechteste Zugang zu diesem Stück ist das gewiss nicht.

Quelle: op-online.de

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