Darmstadt

Theater der Leidenschaft

+
„Jede Aufführung muss ein künstlerisches Brennen ausstrahlen“, sagt Karsten Wiegand, künftiger Intendant in Darmstadt.

Darmstadt - Georg-Büchner-Platz 1: Eine starke Adresse, ein Auftrag -– findet Karsten Wiegand, der künftige Intendant des Darmstädter Staatstheaters, der zur Spielzeit 2014/15 aus Weimar kommt. Von Stefan Michalzik

Büchner ist Dichter gewesen, hat Medizin und Anatomie studiert: Der kühne, sezierende Blick des Wissenschaftlers zusammen mit „dem heißen Herz des Künstlers“ und einem politischen Blick auf Verhältnisse und ihre Veränderbarkeit, das komme in dieser „großen Künstlerpersönlichkeit“ zum Ausdruck. Um die Pflege des Werks gehe es nicht in erster Linie, sein Menschenbild und seine Weltsicht müsse man sich anschauen – und sich fragen: Bei welchen Künstlern aller Sparten findet sich heute etwas von dieser „offenen, scharfsichtigen, streitbaren Haltung zur Welt“.

Schon beinahe musterknabenhaft, wie wenn er förmlich zum Theaterintendanten geboren wäre: So klingen manche Antworten, die Karsten Wiegand gibt. Der erste Eindruck im Gespräch mit dem 41-Jährigen, der gegenwärtig seit 2008/09 Operndirektor in Weimar ist und mit Beginn der Spielzeit 2014/15 die Intendanz am Darmstädter Staatstheater übernehmen soll, ist der eines in jeder Hinsicht aufgeräumten Menschen. Spezielle Vorlieben für ein bestimmtes Repertoire? Ein Moment des Nachdenkens, dann die klare Antwort: Nein. Intendant eines ganzen Theaters mit all seinen Sparten wolle er sein, sich mit der ganzen Vielfalt befassen, auch als Regisseur.

Mit Beliebigkeit dürfe man das bloß nicht verwechseln, fügt er eilig hinzu. „Jede Aufführung muss ein künstlerisches Brennen ausstrahlen.“ Die Erzählweise sei zweitrangig, ob es sich um klassisches Literaturtheater, zeitgenössische Stücke oder postdramatische Formen handelt. Dann kommt es aber doch: ein „leidenschaftliches“ Bekenntnis zum Drama als Verhandlung von Konflikten auf der Bühne. Diesem Maßstab müssten auch Bearbeitungen von Romanen und Filmdrehbüchern standhalten, wie sie am deutschsprachigen Theater gerade weit verbreitet sind.

Ein Erweckungserlebnis für seine Theaterobsession? Nein, so etwas habe es nicht gegeben. Dafür die frühe Begegnung als „leidenschaftlicher Zuschauer“, als Schüler schon; studiert hat Wiegand aber erst mal Germanistik, Politikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre. In einer von wirtschaftswissenschaftlichen Denkweisen geprägten Welt sei es hilfreich, davon etwas zu verstehen: So schlägt er den Bogen zum Theater.

An den Forschergeist von Darmstadt lasse sich jedenfalls anknüpfen, diesem Ort der Moderne mit dem Jugendstilensemble auf der Mathildenhöhe und zwei Hochschulen. Hier werde nachgedacht darüber, wie es weitergeht mit unserem Leben. Eine gewisse Grundstreitbarkeit attestiert Wiegand den Darmstädtern, Ausdruck eines Bürgerstolzes. „Mir gefällt das, davon fühle ich mich positiv herausgefordert.“

Themenspielpläne soll es keine geben. „Theater ist doch kein Seminar.“ Wohl aber gehe es in einem Spielplan um „sichtbare und unsichtbare Korrespondenzen“ über die Sparten hinweg. Darum sollen die Dramaturgen künftig auch interdisziplinär arbeiten. Als das Theater dieser Stadt habe das Dreispartenhaus „die großen Künste in einer gewissen Breite“ abzubilden. Ein Beispiel: Am Musiktheater wurde in Darmstadt zuletzt wenig Barockoper gespielt, wenig Moderne, wenige Stücke zeitgenössischer Komponisten. Da bestehe Nachholbedarf.

Ein reger Austausch mit der Stadt und ihren Bürgern: Karsten Wiegand betont immer wieder, wie wichtig ihm das ist. Andernorts werden Etats gekürzt, die Existenz mancher Theater in Frage gestellt. Einen Grund, aus der Defensive zu argumentieren, gebe es aber nicht. Man müsse immer wieder um die ökonomischen Mittel kämpfen, aber es gebe ja viele Leute, die gern in die Theater gehen, diese „außerordentlich aufregenden, lebendigen, zeitgemäßen Orte“. Der Statistik nach mehr als in die Fußballstadien. Ein schlagkräftiges Argument gegen Einsparungen.

Das Theater müsse so neugierig auf die Menschen sein wie die Menschen auf das Theater und es schaffen, dass sie sagen: Das ist uns wichtig, weil es da etwas gibt, das wir nur dort erleben können. Da hat Wiegand Recht, so banal der Satz klingen mag. Wenn ihm das gelingt, wandelt sich das böse Wort vom Musterknaben flugs zum schillernden Kompliment.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare