Theater muss Magie entfalten

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Scheinwelt: In Heiner Goebbels’ „Eraritjaritjaka“ ist Schauspieler André Wilms nach kurzer Zeit nur noch als Videoprojektion zu sehen.

Der in Frankfurt lebende Regisseur und Komponist Heiner Goebbels will weder belehren noch bebildern. "Eraritjaritjaka" steht wieder auf dem Programm.

Was stand am Beginn der Arbeit an „Eraritjaritjaka“?

Goebbels: Ausgangspunkt war eine fünfjährige Lektüre der Notizbücher von Elias Canetti. Das Problem ist immer: Wie geht man mit der Offenheit von Literatur um? Gerade mit einem Text, den man immer wieder anschauen kann, und diese Notizbücher sind von dieser Art. Erst als sich einige Möglichkeiten abzeichneten, diese Offenheit auf die Bühne zu bringen, habe ich mich das getraut.

Die verschiedenen Elemente Text, Musik und Musiker, Bühne, Licht und Schauspieler behaupten bei Ihnen eine eigene Autonomie. Wie verlief der Prozess der Entwicklung bei diesem Stück?

Mir ist erst im Nachhinein klar geworden, dass ich in jeder Szene ein anderes Element den Zuschauern erst einmal vorstelle. Es beginnt als Konzert, dann kommt der Text dazu, dann wird das Licht zum Protagonisten, dann Requisiten, der Raum. Irgendwann bekommt der Schauspieler seinen großen Monolog. Erst gegen Ende verzahnen sich alle Elemente. Das dürfte auch eine Reaktion gewesen sein auf die Reinheit der Mittel, die Canetti selbst einfordert. Sicher war das auch strategisch sinnvoll: Am Schluss, wenn Film, Musik und das ganze Bühnengeschehen den Zuschauer in einen sehr verwirrenden, überraschenden und fantastischen Taumel bringen, entfaltet das Stück eine Komplexität, auf die man vorbereitet sein muss.

Von welcher Art ist das Verhältnis von Bühne und Zuschauer?

Ich habe damit gerechnet, dass es ein Stück sehr schwer haben wird, das mit sehr anspruchsvollen Texten in französischer Sprache, mit Streichquartetten des Zwanzigsten Jahrhunderts operiert und in dem der Schauspieler nach zwanzig Minuten die Bühne verlässt und nur noch auf dem Video zu sehen ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Der Moment, an dem der Schauspieler das Publikum aus seinem Griff entlässt, ist ein Moment von irritierender, aber auch befreiender Wahrnehmung. Das Publikum ist plötzlich sehr entspannt, im Gefühl, für sich zu sein. Die weiße Spielfläche, das Zentrum der Bühne, bleibt dann im Grunde leer. Das Publikum hat im Wortsinn Raum seine eigene Imagination zu entwickeln und sich sein eigenes Stück zu bauen. Das ist offenbar ein Vergnügen.

Aus dem Staunen resultiert eine gewisse Magie. Ist das ein Begriff, den sie gern hören?

Sehr gern. Theater muss das auch bieten. Theater ist ja kein Instrument der Belehrung. Man muss im Theater seine Erfahrung machen, seine Sinne neu sortieren können. Ein Zauberer hat mal zu mir gesagt: Du arbeitest genau wie ich. Du bereitest an der linken Bühnenseite irgendetwas vor und lenkst die Leute an der rechten Seite ab, und plötzlich hat sich alles verwandelt. An der Unmerklichkeit der Übergänge arbeite ich oft mehr als an den eigentlichen Szenen.

Am Anfang ihrer Arbeit stand eine starke Beziehung zu Hanns Eisler. In welcher Beziehung steht dies zu Ihrem Schaffen heute?

Das müssen andere sagen, weil eine politische Erfahrung im Theater nicht absichtsvoll auf der Bühne inszeniert werden kann. Aber ein Autor wie Canetti hat sein ganzes Leben lang gegen den Totalitarismus angeschrieben. Ich habe versucht, diesen antiautoritären Impuls auf die Theatermittel zu übertragen, denn die Polyphonie der Mittel erlaubt dem Zuschauer eine Freiheit der Wahrnehmung. Vielleicht entspricht das dann dem, was Heiner Müller einmal über das Theater von Robert Wilson mit „demokratischem Theater“ gemeint hat.(zik)

Quelle: op-online.de

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