Theater ohne Antworten

Claus Peymann hat „die Hosen runtergelassen“ und Hans-Dieter Schütt freie Bahn für seinen Theaterschmöker gegeben.

Claus Peymann verficht klare Haltungen. Kommenden Sonntag liest der Intendant des Berliner Ensembles gemeinsam mit dem ihm schon über die Stationen Stuttgart, Bochum und Wien verbundenen Dramaturgen Hermann Beil im Frankfurter Schauspiel aus dem Band „Peymann von A-Z“, den der Berliner Theaterkritiker Hans-Dieter Schütt zusammengestellt hat. Stefan Michalzik stellte ihm einige Fragen.

Frage: Herr Peymann, Memoiren wollen Sie ja keine schreiben...

Claus Peymann: Ich schaff´ das nicht! Über die erste Seite komme ich nicht hinaus. Ich misstraue jedem Wort, das ich schreibe. Ich bin ein Redemensch. Wenn mich jemand dazu bringen sollte, meine Memoiren zu erzählen, das hätte eine Chance.

Nun liegt ein Buch voller Selbstauskünfte vor. Wie nahe kommt das der Autobiografie?

Hans-Dieter Schütt kam mit der Idee, 300 Archivordner durchzusehen und aus den Interviews, Beschimpfungen, Predigten und Briefen einen Theaterschmöker zu machen. Ich habe ihm freie Bahn gegeben, die Hosen heruntergelassen. Mich nicht eingemischt, das Buch erst gesehen, als es gedruckt war. Das ist eine Art Biografie, aber nur aus dem Gedruckten heraus. Was ich gemacht und empfunden habe, das kommt nicht vor.

Sind Sie eigentlich noch immer ein Weltverbesserer?

Ich sage manchmal, ich bin nicht 1937 geboren, mit meinem biologischen Anfang, sondern irgendwann in den Sechziger Jahren als Mensch zur Welt gekommen, auch als Theatermacher. In dieser wunderbar unruhigen Zeit, als wir am Frankfurter Theater am Turm Handkes „Publikumsbeschimpfung“ uraufführten, als dort Joseph Beuys Bühnenbilder machte und selber Theater spielte. Das ist die Geburtssekunde des Aufklärers und Weltverbesserers Claus Peymann. Frei nach Schiller – moralische Anstalt, Erziehung des Menschengeschlechts: Das sind Präambeln, nach denen ich immer noch handle.

Die Österreicher sind besser geworden, haben sie bei ihrem Abschied von Wien gesagt. Wie haben sich denn die Deutschen entwickelt?

Mit Thomas Bernhards „Heldenplatz“ war es uns gelungen, den Österreichern die Augen zu öffnen. Sie konnten nicht mehr sagen: Wir sind die Opfer der Faschisten. Sondern: Wir sind Täter. Die Bilanz für Berlin fällt leider negativ aus. Eine kritische, subversive Gegenposition zu installieren, ist bisher nicht gelungen. Die Zeit nimmt ein solch kämpferisches Theater einfach nicht mehr ernst. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Theater es aufgegeben hat, die großen Geschichten zu erzählen. Ich glaube aber, dass das Theater wiederkommen wird, und lernen wird, was es wirklich kann. Ich hatte ja immer die Vorstellung: Solidarität mit den Schwachen, und den Mächtigen die Maske herunterreißen. Die Charaktermasken sind glänzend getarnt. Wenn Sie mit Gerhard Schröder oder mit Angela Merkel zusammen zu Abend essen, sind das nette Leute. Bankenvorstände genau so. Und trotzdem sind sie Gauner. Das deutlich zu machen, fällt sehr schwer. Wo ist das Stück zur Globalisierung? Vielleicht kann das Theater das gar nicht mehr.

Wie geht es weiter?

Die Gesellschaft geht durch ihre größte Krise. Wir werden sehen, wohin der Kapitalismus treibt. Ich glaube, es ist der Untergang. Als der Sozialismus zerbrach, habe ich gesagt, jetzt hat der Kapitalismus gesiegt, aber es ist ein Pyrrhussieg. Ich bin nicht froh, dass ich bestätigt werde. Aber Deutschland hat die historische Chance vertan, das, was an der DDR wertvoll war, mit dem was an der BRD wertvoll war, zu einer ganz neuartigen Form der gesellschaftlichen Organisation zu verbinden.

Sie sagten, das Frankfurter Theater sollte abgerissen werden, weil dem Bau jede Poesie fehle. Was halten Sie vom derzeitigen Zustand des Theaters?

Elisabeth Schweeger hat in Frankfurt gelernt, wie schön Theater sein kann und wie schwer es ist, ein Theater zu leiten. Sie hat es nach ausgesprochen schwachen und esoterischen Anfängen geschafft, in diesem unmöglichen Gebäude sehr gutes Theater zu machen. Oliver Reese, ihr Nachfolger, war ein zweiter Mann am Deutschen Theater in Berlin. Ob er ein erster für Frankfurt ist, das muss er erst beweisen. Ich wünsche ihm, nicht scheinheilig, das er das schafft.

Quelle: op-online.de

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