Nostalgische Vergnügung

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Geheimnisvolle Aktivitäten: Henriette Blumenau als futuristische Unterhalterin

Frankfurt - Oha, der Schlag hat gesessen. Nachdem der junge Mann dem Typen, der in schwarzer Vollkörper-Gummimontur auf allen Vieren an der Leine durch den Raum geführt wird, sanft auf den Hintern geklopft hat, erschrickt er nun vor sich selbst. Von Dirk Fellinghauer

Dieser Peitschenhieb war vielleicht doch ein wenig zu kräftig. Genau solche Emotionen sollen den mobilen Theaterabend „Red Light Red Heat“ ausmachen, den der junge Ernst-Busch-Absolvent Pedro Martins Beja als Uraufführung für das Schauspiel Frankfurt inszeniert hat.

Mit Audioguides durchs Rotlichtmilieu

Unter dem Untertitel „Eine Überbelichtungsmenagerie“ erleben etwa 30 Premierengäste einen außergewöhnlichen Spaziergang durchs Bahnhofsviertel, das ihnen verkauft wird als täuschend echter Nachbau eines nostalgischen Vergnügungsparks in einer ansonsten volldigitalisierten, von herzlosen Androiden beherrschten Welt. Ausgerüstet mit mp3-Audioguides, Kopfhörern, Wegbeschreibung und vorher zugewiesenem Partner, streifen sie gespannt, fasziniert, mitunter irritiert durch das pralle, bunte, vielseitige und oft hässliche, erbärmliche und bittere Leben des Rotlichtmilieus.

Nach dem Start im Schauspiel-Foyer führt der Weg ins Occupy-Zeltcamp der „Digitalverweigerer“, während metallische, von sphärischen Klängen unterlegte Stimmen eine Reise in „die letzte Bastion des sinnlichen Erlebens“ anpreisen. Der Spaziergang endet in der zum „Club der großen Eingliederung“ umfunktionierten Institution „Pik Dame“, wo die Aufforderung lautet: „Tanzt den geeichten Tanz, errechnet aus den Algorithmen der Einzelschicksale!“ Per Liquid-Taler darf sich jeder mit mal leicht, mal fantasievoll bekleideten Verführern zu geheimnisvollen Aktivitäten in Separés oder Kellerräume zurückziehen.

Zusammenspiel von Illusion und Wirklichkeit

Auf der Mini-Bühne heißt es „die Show ist aus“, als just diese gerade beginnt. Derweil flüstert ein Akteur dem Zuschauer ins Ohr: „In einer Stunde wirst du nicht mehr wissen, wo oben und unten ist, so wirst du hier mit Informationen zugeballert.“ Ganz so heftig wird es nicht, aber die Reizüberflutung ist enorm in der Szenerie, die im wahrsten Sinne des Wortes mit Illusion und Wirklichkeit spielt, mit Wünschen und Sehnsüchten. Im unverstellten Originalambiente ist eine Frage stets präsent: Wer und was ist echt bei dieser multimedialen Performance? Der grimmige Türsteher, die ältere Bardame vom Typ „hart aber herzlich“ und die laszive Stangentänzerin jedenfalls sind auch sonst dort anzutreffen, soviel ist auch dem unbedarftesten Besucher schnell klar.

Die verkündete „Suche nach dem perfekten Moment“ gerät mal cool und mal abgedreht, hat mal Tiefgang und ist mal banal, macht manchmal Eindruck und lässt manchmal kalt. Stellenweise wirkt die Inszenierung aufgesetzt, gewollt und beliebig. Wer sich ganz auf die Performance einlässt, vergnügt sich bestens im Vergnügungsviertel; anderen dürfte das Gebotene ein müdes Gähnen entlocken.

Die bleibendsten Eindrücke hinterlässt wohl der reale Alltag eines Viertels, das mancher Theaterbesucher noch nie oder zumindest so noch nie gesehen und wahrgenommen hat. „Das Bild des Junkies, der sich den Schuss gesetzt hat, als wir vorbeigegangen sind, geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf“, sagt eine Zuschauerin beim Verlassen der Bar. Und dieser Junkie und sein Schuss waren, auch wenn man den Moment nicht „besser“ hätte inszenieren können, absolut echt.

Weitere Aufführungen am 1., 8. und 15. Februar. Karten gibt es unter 069/212-49494.

Quelle: op-online.de

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