Theater Willy Praml

Die Geschichte der Frankfurter Juden

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Stationen eines Dramas: Heinrich Heines Aufenthalte im Frankfurter Ghetto geben dem Theater-Ereignis den Rahmen.

Frankfurt - Unter dem Asphalt am Kreuz zweier Verkehrsschneisen liegt Geschichte versiegelt – die der Juden in Frankfurt. Der Regisseur Willy Praml ist darangegangen, die verborgenen Spuren der Frankfurter Judengasse mit den Mitteln des Theaters hervorzukehren. Von Stefan Michalzik

Kaskaden von Text hat der auch für die räumliche Konzeption verantwortliche Schauspieler Michael Weber zusammengetragen, der „Heine wacht auf und erzählt seinem Freund Karl Marx, wie er im Traum in einem Kahn die Kurt-Schumacher-Straße rauf und runter fuhr – Stationen eines Dramas“ gemeinsam mit Willy Praml entwickelt hat. Drei Mal hat Heinrich Heine Frankfurt und sein Judenghetto besucht, genaue Beobachtung, Spott und Ironie kennzeichnen seine Zeugnisse.

Erste Station: Museum Judengasse, die Rekonstruktion der Fundamente, auf die man Ende der 1980er Jahre beim Aushub zum Bau des Kundenzentrums der Stadtwerke gestoßen war, der Konflikt um den Börneplatz hatte sich daran entzündet. In Winkeln der Gemäuer erzählen die über den Raum verteilten Schauspieler aus dem Leben von „Harry“, dem jungen Heine, die Zuschauer suchen sich ihren Weg durch die parallel gespielten Szenen selber. Es ist zu erleben, wie Birgit Heuser als Mutter Betty beschließt, dass der Sohn „eine Geldmacht“ zu werden habe und ihm ein Studium der Jurisprudenz in Göttingen verordnet; vom „gottverfluchten Studium“ spricht Jakob Gail als Heine an einer anderen Stelle.

Heines Flucht auf dem Rhein spielt im dichten Verkehrsfluss.

In seinem Romanfragment „Der Rabbi von Bacharach“, 1824 in Göttingen begonnen, erzählt Heine von einer Flucht über den Rhein vor der Verfolgung eines untergeschobenen vorgeblichen Ritualmords wegen nach Frankfurt, wo die Juden zwar von den Christen separiert worden sind, aber immer noch ein vergleichsweise liberales Klima vorherrschte. Die erste darauf basierende Szene wird am einstigen Standort der Börneplatzsynagoge gespielt, an dem sich heute das Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Frankfurter Juden befindet; die Flucht auf dem Rhein spielt sich an der Kreuzung der Kurt-Schumacher-Straße mit der Batton- und der Berliner Straße ab, Wasser plätschert in den Kopfhörern der auf die vier Ecken verteilten Zuschauer, Ruderer mit Paddeln sind an den Spitzen der Verkehrsinseln postiert. Mehrfach wird ein geöffneter Flügel vorbeigefahren.

Nach der Pause geht es parallel zum verschütteten Verlauf der Judengasse mit dem in einem Bus gespielten dritten Kapitel einige Male die Kurt-Schumacher-Straße hoch und herunter. Der nah gelegene Weihesaal der Unitarischen Freien Religionsgemeinde mit dem sich durch eine ergreifende Schlichtheit auszeichnenden Innenraum ist der Ort, an dem Jakob Gail in Begleitung des Perkussionisten und musikalischen Leiters Seppl Niemeyer die Szene um den ein Pfund Fleisch vom Körper eines Schuldners fordernden Juden Shylock spielt.

Ein Männerchor stimmt immer wieder das Lied von der Loreley und andere aus der Romantik an, dazu kommen vier Instrumentalisten mit einer vielfältigen Theatermusik. Über acht Orte hinweg zeichnet sich ein weitreichend stringenter dramaturgischer Bogen ab. Die Beziehung zwischen Geschichte und Gegenwart entsteht im Kopf des Betrachters. Fünf Stunden sind am Ende vergangen, im übertragenen Sinne lang sind sie nicht.

Quelle: op-online.de

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