Theatertraum eines Greises

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Die aufwändige Frankfurter Deutung der französischen Faust-Oper von Hector Berlioz schont – ganz Goethe gemäß – Prospekte nicht und nicht Maschinen.

Dieser Faust hat sein eigenes Theater: Mit großer Loge, aber etwas unaufgeräumt sieht es aus. Wie Visionen darin: Eine Parade, Abtransport eines Sargs, Schüsse zum wunschkonzertbeliebten „Ungarischen Marsch“ aus „Fausts Verdammnis“. Von Axel Zibulski

Hector Berlioz, der Goethes „Faust I“ 1829 vertonte, fand zunächst kein Theater; seine „Légende dramatique“ wurde 1846 konzertant und erst knapp 50 Jahre später szenisch uraufgeführt. Es sind eher „Faust“-Episoden geworden als jene „Grand Opéra“, die dem Komponisten vorschwebte.

An der Oper Frankfurt lässt Regie-Altmeister Harry Kupfer keine Zweifel an der Bühnenwirksamkeit der dramatischen Legende. Im Theaterraum spielt sich ein Theatertraum des greisen Faust ab. Teils eingerüstet zeigen sich Zuschauerränge auf der Bühne (Hans Scharvenoch). Nur vereinzelt greift Kupfer auf Verfremdungseffekte zurück. Zum Beispiel lässt er die Ankündigung der finalen Verklärung Margarethes vom Chor vor geschlossenem Vorhang singen. Zuvor haben sich zum drastisch auskomponierten Höllenritt Mephisto und Faust auf metallischen Pferden in die Bühnenhöhen geschwungen. Da mag ein wenig szenische Ironie ins Spiel kommen.

Insgesamt zeichnet Kupfers Inszenierung den episodischen Charakter der Szenen werkdienlich nach. Dieses Theater auf dem Theater ist eher lose Klammer, in der Fausts Traumwelt recht handfest gezeigt werden darf, mit urinierenden Studenten in Auerbachs Keller und einer Dorfwelt en miniature, in deren Puppenstube außer dem Kreuz beinahe alles fehlt. So verrät die Inszenierung nicht mehr und nicht weniger als den Charakter des regiehandwerklich Soliden, das über die pausenlosen zwei Stunden unaufgeregt trägt – es ist Kupfers fünfte Interpretation des Werks.

Weniger glücklich fällt die orchestrale Seite aus. Berlioz’ Musik muss selbst bei der verspäteten Uraufführung 1846 auf seine Zeitgenossen schockierend modern gewirkt haben: Da gibt es Überlagerungen unterschiedlicher Tonarten sowie höchst unorthodoxe, theaterwirksame Instrumentierungs-Effekte. Julia Jones und das Frankfurter Museumsorchester zeichneten das eine Spur zu gebremst, zu verhalten nach, als ob es gälte, schüchtern auf die Bühne Rücksicht zu nehmen – obwohl Berlioz das Orchester wie einen Protagonisten einsetzt.

Der Opernchor sang nach anfänglichen Abstimmungsschwierigkeiten mit dem Orchestergraben solide, aber eine Spur zu gedeckt, distanziert – am Ende, zur hymnischen Gretchen-Verklärung, von Kupfer gewollt. Denn diese Verklärung klingt nur fern und aus dem Off, nachdem Faust höchst unsanft auf dem Boden seines Bühnendaseins aufgeschlagen ist.

Weitere Aufführungen am 17., 21., 24. und 27. Juni, 2. und 4. Juli

Solistisch konzentriert sich die Vertonung auf Faust, Mephisto und Margarethe: Vokal veredelt wird die Aufführung von der Mezzosopranistin Alice Coote, die im französisch gesungenen „Faust“ eine klare, reine, in der Tiefe tragende, in der Höhe bewegliche Marguerite gibt. Nicht frei von Anstrengungen, aber doch tenoral stabil und strahlkräftig klingt der Faust von Matthew Polenzani. Die von Berlioz merklich reduzierte Partie des Méphistophélès füllt Simon Bailey mit geschmeidig charmantem Bariton aus. Thorsten Grümbels Brander ergänzt die Solisten zuverlässig zum Quartett.

Quelle: op-online.de

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