Podiumsdiskussion des Jüdischen Museums

„Thema Raubkunst ist verdeckt worden“

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Frankfurt - Braucht Deutschland einen anderen Umgang mit NS-Raubkunst? „Ja“, sagen Kunsthistoriker und Journalisten auf der vom Jüdischen Museum Frankfurt ausgerichteten Podiumsdiskussion „Der Fall Gurlitt und seine Folgen“ und fordern neue Regelungen zur Restitution geraubter Bilder. Von Christina Lenz 

Einig ist man sich auf der wegen des großen Besucherandrangs ins Casino der Stadtwerke verlegten Veranstaltung auch darin, dass die Bedeutung weit über den Streit um die geschätzten 458 geraubten Kunstwerke in der Privatsammlung des Kunsthändlersohns hinausreicht. .

FAZ-Redakteurin und Kunsthistorikerin Julia Voss äußert Entsetzen über den langen Zeitraum, in dem Sammler und Museen das Thema verheimlicht hätten. „Stattdessen ist im Nachkriegsdeutschland viel Geld in die Kunstszene geflossen. Es wurde mit jungen Künstlern geworben und mit der Distanzierung von der NS-Kunstauffassung. Das Thema NS-Raubkunst ist geschickt verdeckt worden.“ Das Fehlen verbindlicher Gesetze in Deutschland hatte die Besitzer geschützt.

Nachlässigkeit im Umgang mit NS-Raubkunst

Auch Stefan Koldehoff, Kulturredakteur des Deutschlandfunks, bestätigt Nachlässigkeit im Umgang mit NS-Raubkunst. „Nach 1945 hat nicht viel Interesse an Aufklärung bestanden. Obwohl es von den Nationalsozialisten akribisch geführte Protokolle und Listen gab, wurde der Verbleib von Kunstwerken und anderen Besitztümern nie erforscht.“ Jahrzehntelange Streitereien über die Besitzverhältnisse von geraubten Kunstwerken, Gebäuden oder gar Fabriken hätten den Wirtschaftsaufschwung nur gestört.

Julius H. Schoeps, Professor für Politologie und Geschichte an der Universität Potsdam, beklagt das Fehlen eindeutiger Restitutionsgesetze. „In Ländern wie Österreich oder den Niederlanden gibt es einen vorbildlichen Umgang mit NS-Raubkunst.“ Dort seien Besitzer von Raubkunst rechtlich verpflichtet diese zurückzuerstatten. Falls keine Erben gefunden würden, ginge der Erlös für ein versteigertes Kunstwerk an Opferorganisationen.

1998 waren auf der Washingtoner Konferenz 44 Staaten übereingekommen, NS-Raubkunst zu identifizieren, Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden. Ein Jahr später einigten sich Bund, Länder und Kommunen auf eine „Gemeinsame Erklärung zur Auffindung und Rückgabe“ von NS-Raubkunst. Es sei aber lediglich beim moralischen Appell geblieben, so Schoeps. Auch wenn die meisten Museen Provenienzforschung betrieben und etliche Kunstwerke im Laufe der Jahre restituiert worden seien, kooperierten bis heute nicht alle Museumsdirektoren, ergänzt Koldehoff.

Laut Voss fehlten jedoch nicht nur Gesetze, sondern sei auch der Kunsthandel in der Verantwortung: „Wenn Händler und Auktionshäuser gut recherchieren und die Provenienz exakt feststellen, dann wird Raubkunst wertlos, weil sie niemand mehr kauft.“

Quelle: op-online.de

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