Theorie und Alltag

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Isaak Dentler als Johannes Vockerat und Sandra Gehrling als dessen Frau Käthe.

Ein Mann zwischen zwei Frauen. Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ wäre ein Ehe-Melodram, ließe er in seinem Stück nicht unterschiedliche Wertesysteme und Lebensweisen aufeinander prallen. Von Astrid Biesemeier

Johannes Vockerat, der an einer wissenschaftlichen Arbeit schreibt, ist eben erst Vater geworden und mit Käthe verheiratet, die von seinen Theorien nichts versteht. Als die Studentin Anna auftaucht brechen die Konflikte der Ehe auf. Käthe leidet darunter, dass sich ihr Mann zu Anna hingezogen fühlt. Und aus Sicht der Eltern Vockerat lässt sich diese Ménage à trois nicht mit der gottgewollten Ordnung vereinbaren.´

Es braucht etwas Zeit, bis man in dem Stück, das 1891 uraufgeführt wurde und in dem Feuerbach und Darwin als moderne Theoretiker angeführt werden, angekommen ist. Doch durch das hervorragende Spiel des Frankfurter Ensembles und die kluge Textfassung werden Gott, Feuerbach, Darwin und Co bald zu Chiffren für unterschiedliche Lebensauffassungen und Wertesysteme.

Regisseurin Hanna Rudolph spielt durch, was geschieht, wenn Menschen sich so sehr in höheren Ordnungen einrichten, dass sich diese Werte letztlich gegen den Menschen richten. Die Grundpositionen der Figuren treten klar zu Tage, ohne Ambivalenzen zu vernachlässigen. Die nach den Seiten hin offene Wohnung (Bühne: Steffen Schmerse) ist nur nach hinten durch eine Holzwand begrenzt, die sich im Laufe der Inszenierung nach vorn schiebt und den Lebensraum für alle enger macht.

Isaak Dentler als Johannes Vockerat redet hier mit verbohrter Härte auf seine Frau ein und entpuppt sich als Egomane, der verzweifelt versucht, Ordnung in seine wissenschaftliche Zettelwirtschaft zu bringen. Annas Auftauchen lenkt ihn von seinem gedanklichen Chaos ab, er sucht die Schuld in der Kleingeistigkeit seiner Umgebung. Die Eltern Vockerat, argumentieren im Namen von Gott, Geboten und Hierarchien. Felix von Manteuffel lässt die frömmelnden und mit zahlreichen „Tja's“ durchsetzen Worte von Vater Vockerat mehrmals wunderbar ins Leere laufen. Josefin Platt spielt das Muttertier, das mit den Händen fuchtelt, als ließe sich so die vom Sohn verachtete Gottesordnung ergreifen und über ihren Sohn stülpen. Kurze Zeit erscheint Anna tatsächlich als offener Freigeist. Doch auch unter der zarten und flirrenden Oberfläche von Claude De Demos Darstellung im schwarzen Intellektuellenkleidchen wuchert letztlich ein ebenso dogmatisches Gedankengut.

Nächste Aufführungen am 19. und 24. Februar.

Schönerweise wird in Rudolphs Inszenierung Sandra Gehrlings Käthe zur starken Figur. Sie versucht, das reale Leben zu bewältigen, und sie sucht nach Verständigung und Kompromissen, ringt um ihre Würde und das Menschsein. Sie sucht nicht im Namen Gottes eine Glaubensheimat, und sie lebt nicht unter dem Dach irgendwelcher Theoriegebäude. Doch trotz aller berührenden verzweifelten Anläufe: Gegen Darwin, Feuerbach und die wissenschaftlichen Interessen ihres Mannes hat sie keine Chance. Zwischen Aufbegehren, Fluchtgedanken und Autoaggression wird sie aufgerieben.

Quelle: op-online.de

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