„1938. Kunst, Künstler, Politik“ im Jüdischen Museum

Tiefe Zäsur im Kunstbetrieb

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Selbstporträt Elfriede Lohse-Wächtler (1930)

Frankfurt - Unter dem Titel „1938. Kunst, Künstler, Politik“ liefert das Jüdische Museum Frankfurt einen hochaktuellen Beitrag zur Raubkunstdebatte. Von Carsten Müller 

Das Jahr 1938 markiert eine Zäsur in der jüdischen und der deutschen Geschichte. Gipfelnd in der Pogromnacht haben die Nationalsozialisten in jenem Jahr ihr Ziel fast vollständig erreicht, die jüdische Kultur auszulöschen. Die in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut entstandene Ausstellung „1938. Kunst, Künstler, Politik“ zeichnet nun im Jüdischen Museum Schicksale von Künstlern, Sammlern und Museumsleitern nach, zeigt aber auch ganz konkret, wie jüdische Kunstsammlungen enteignet wurden. „Wir haben nicht ahnen können, in welche Aktualität wir damit geraten“, sagte Museumsleiter Raphael Gross mit Blick auf den Wirbel um die unter NS-Raubkunst-Verdacht stehende Sammlung Gurlitt.

„Raufbold (Hirsch)“ von Gerhard Löbenberg, Geschenk des Künstlers an Hermann Göring 1938.

Die Umorganisation des Kunsthandels wurde vor allem in München vorangetrieben. Der nach dem Krieg als Mitläufer eingestufte Kunsthändler Adolf Weinmüller war Strippenzieher und Nutznießer der „Arisierung“ seiner jüdischen Konkurrenz. Ein Opfer war Hugo Helbing, der eines der weithin renommiertesten Auktionshäuser führte und in der Frankfurter Villa Oppenheimer eine Dependance unterhielt, später Schauplatz der NS-Schau „Entartete Kunst“. Weinmüller bestritt seine Verstrickungen nach dem Krieg, erklärte Sammlung und Unterlagen für verloren und nahm seine Geschäfte wieder auf. Die anlässlich eines Forschungsprojekts aufgetauchten Kataloge entlarven ihn als Lügner. Sie beweisen, dass ihm die Raubkunst teilweise direkt von der Gestapo zugeliefert wurde. Zu sehen sind die Papiere demnächst auch auf der Lost-Art-Seite im Internet. Helbing wurde bei den Pogromen zusammengeschlagen und erlag seinen Verletzungen. Den Auktionator hat Max Slevogt in Öl verewigt.

Ambivalente Rolle der Museen

Die ambivalente Rolle der Museen, die zunächst personell gesäubert wurden, dann Werke abgeben mussten und sich später selbst am Kunstraub beteiligten, wird anhand des heute in der Provenienzforschung führenden Frankfurter Städels und seines von 1906 bis 1937 wirkenden Direktors Georg Swarzenski beschrieben, der 1938 in die USA emigrieren musste. Ein Porträt von Max Beckmann erinnert an die prägende Gestalt in der Museumsgeschichte, der beste Kontakte zu Mäzenen und Sammlern unterhielt. Die mussten nicht nur als „entartet“ geltende Kunst abgeben, sondern auch von den Nazis als wertvoll erachtete Werke, die unter anderem für das Münchner „Haus der Deutschen Kunst“ beschlagnahmt wurden.

Gästebuch der schwedischen Familie Trolle (1938) mit einem Eintrag von Lotte Laserstein, der die Familie beim Betrachten ihrer Porträts zeigt.

Adolf Hitler höchstpersönlich befahl nach dem Anschluss Österreichs die Plünderung jüdischer Sammlungen in Wien, um an Werke seines künstlerischen Vorbilds Rudolf von Alt (1812-1905) zu kommen. Zu sehen sind auch Werke von Künstlern, die unter den Nazis Freiräume genossen, wie der von Göring hofierte Jagdmaler Gerhard Löbenberg (1891-1967) oder auch Werner Peiner (1897-1984), der Großaufträge für „Schicksalsschlachten“-Gobelins erhielt. Wie unterschiedlich die Karrieren von als „entartet“ gebrandmarkten Künstlern verlief, illustrieren zwei Biografien. Die Akademie-Malerin Lotte Laserstein (1989-1993), deren Werk im Mittelpunkt der Schau steht, erhielt 1933 Ausstellungsverbot, sie floh nach Schweden, wo eine bisher unbekannte Porträtreihe der sie unterstützenden Familie Trolle entstand. Die Umstände hielt Laserstein in humorvollen Comicstrips im Gästebuch der Familie fest.

Expressionist Heinrich Ehmsen (1886-1964) hingegen galt zunächst für seine Gerhart-Hauptmann-Mappe als „entartet“, trat später mit Ariernachweis in die NSDAP ein und stieg zum Frontmaler auf. Die ebenfalls zu den Expressionisten zählende, an Schizophrenie leidende Elfriede Lohse-Wächtler dagegen wurde 1837 gegen ihren Willen zwangssterilisiert und 1940 in der Heilanstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Zeichnungen auf Postkarten sind letzte Zeugnisse.

Eine Pflichtausstellung

Auch die Kulturkritik war nicht vor Verfolgung sicher. Luise Straus-Ernst (1893-1944), zeitweise Ehefrau des Künstlers Max Ernst, emigrierte 1933 nach Paris, von wo sie mit einem der letzten Transporte 1944 nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich sofort ermordet wurde. Ihr gegenüber steht die Kunsthistorikerin Bettina Feistel-Rohmeder (1873-1953), Gründerin der Deutschen Kunstgesellschaft, einer nationalsozialistischen Bewegung „zur Stärkung rein deutscher Kunst“. Ihre sogenannten „Schreckenskabinette“ diffamierten die Kunst der Avantgarde und waren Vorläufer der NS-Propagandaschau „Entartete Kunst“. Sie fertigte Hetzschriften an, von denen nur die Einbände gezeigt werden, weil der Inhalt noch immer unerträglich ist.

Die Schau sei angesichts der aktuellen Lage eine „Pflichtausstellung“ von nationaler Ausstrahlung, sagte Friederike Tappe-Hornbostel von der Bundeskulturstiftung gestern. Das Bedürfnis nach einer zentralen Lösung zum Thema Raubkunst sei groß, der Fall Gurlitt nur die Spitze eines Eisbergs. „Der Wille der Nationalsozialisten, die jüdische Kultur auszulöschen, ist bis heute sehr erfolgreich“, ergänzte Kuratorin Julia Voss.

„1938. Kunst, Künstler, Politik“ bis 23. Februar 2014 im Jüdischen Museum Frankfurt, Untermainkai 14-15. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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