Frankfurt: „Farben der Heiligkeit" zeigt russische Malerei im Ikonenmuseum und Haus am Dom 

Tiefer Blick in alte christliche Kunst

Verkündigung Christi auf einer Ikone aus dem 15. Jahrhundert

Frankfurt - Das Ikonenmuseum und das Haus am Dom zeigen russische Werke der Ikonenmalerei. Die Schau ist ein Superlativ: Es ist seit 1929 die größte Ausstellung ihrer Art in Europa. Von Reinhold Gries.

Dass das Rubljow-Museum als zentrale Sammel- und Forschungsstätte auf der Welt nicht seinesgleichen hat, unterstrich dessen Direktor Gennadi Popov zur Eröffnung der Ikonen-Doppelschau in Frankfurts Ikonenmuseum und Haus am Dom: „Noch nie waren viele der auf abenteuerlichen Expeditionen entdeckten, aufwändig restaurierten Ikonen in Europa zu sehen. Der Beitrag zum deutsch-russischen Kulturjahr ist die zweitgrößte Ikonenausstellung nach 1929.“ Auch August Heuser, Leiter des Frankfurter Dommuseums, hatte Neuigkeiten: „Die Doppelausstellung ist Auftakt für ein neues Frankfurter Museum für ost-westliche Kirchenkunst, das es bisher in Europa nicht gibt.“

Die Schau ist ein Superlativ, aus dem 14. bis 16. Jahrhundert stammende großformatige Ikonen im Sakristeum am Dom sind ohne weiteres mit italienischer Tafelmalerei des Spätmittelalters vergleichbar. Auch die ikonographische Deutung des Bildraums ist ähnlich, oft zu vergleichen mit westeuropäischer Buchmalerei des Mittelalters. „Ab dem 15./16. Jahrhundert gingen östliche und westliche Wege in Kunst und Religion weit auseinander. Bei uns durften die Bilder weiter verehrt werden, bis zur Oktoberrevolution“, sagt Popov.

Ivan der Schreckliche zwang Mönche in Werkstätten

Eine dem Westen vergleichbare Renaissance, Barockzeit und Aufklärungskunst fand im Zarenreich nicht statt. Umso kostbarer wirkt heute der dadurch mögliche tiefe Blick in alte christliche bis byzantinische Kunst, in prächtigen Ikonostasen und Bildmustern der Ostkirche bis 1917 überliefert. Das forderte auch Opfer, als Zaren wie Ivan der Schreckliche oder Peter der Große zur Ausstattung von Kathedralen und Klöstern Mal-Mönche, auch gegen deren Willen, in Moskauer Werkstätten und Rüstkammern des Zarenhofes holten. Popov ist aber froh, über 20.000 oft verschollene und vergessene Meisterikonen gesichert zu haben, gerettet auch aus Sumpf, Eis und verwahrlostem Umfeld: „Davon zeigen wir eine repräsentative Auswahl in Frankfurt, die dann nach Utrecht zum russisch-niederländischen Jahr weitergeht.“

Bis Ostermontag sieht man im Haus am Dom Vita-Ikonen und Verehrungsbilder weiblicher russischer Heiliger, dazu Hauptwerke der Marienverehrung, Weihnachts-, Oster- und Pfingstikonen. In oft bizarren, expressiven Formen haben sie andere Farbsymbolik als westliche Altarbilder. „Während bei uns das Gewand der Muttergottes meist blau ist, tragen Ostmadonnen intensives Rot“, sagt Heuser, „während die Dramaturgie westlicher Osterbilder nach oben gedacht ist, zur Auferstehung, steht bei den Russen der Weg nach unten im Vordergrund, ins Leid der Passion hinein bis in die Unterwelt.“ Dazu erzählen Heiligen-Viten und biblische Tafeln Geschichten, deren mystischer Kontext westlichen Betrachtern oft verschlossen bleibt.

Werke unbekannter Meister mit Rang von Welterbe

Das Panorama der bis August im Ikonenmuseum zu sehenden Schau ist noch umfangreicher. Dort lernt man die Vita männlicher Heiliger in Bildern wie „Hl. Nikolaus als Wundertäter“ oder „Klostergründer Sergej von Radonesch“ kennen. Das Spektrum der Motive geht von Märtyrern des Mittelalters über religiös bedeutende Fürsten und Mönche bis zu neueren Sakralfiguren, die auch in Koffer- und Reiseikonen mitgenommen werden. Fast alle sind mit Tempera auf Kreide- und Goldgrund gemalt, viele stammen von der Wolga, aus Nordrussland, Jaroslawl und Kostroma. Schwerpunkte biblischer Sujets sind das „Dies irae“ des Jüngsten Gerichts, Verkündigungbilder zur Gottesmutter, „Gott-bei-der-Arbeit“-Sechstagewerke, Sinnbilder „Alttestamentlicher Dreifaltigkeit“ und Szenen aus Christi Leben. Auch künstlerisch hat das oft noch nie Gezeigte von unbekannten Meistern den Rang von Welterbe.

Die Ausstellung „Farben der Heiligkeit - Meisterwerke aus dem Andrej-Rubljow-Museum Moskau“ ist noch bis 11. August im Frankfurter Ikonenmuseum und bis 1. April im Haus am Dom zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr.

Quelle: op-online.de

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