Premiere im Schauspiel

„Wir lieben und wissen nichts“

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Großartiges Spiel: Constanze Becker in „Wir lieben und wissen nichts“.

Frankfurt - Nicht unvorstellbar, dass dieses Stück auch auf der anderen Straßenseite gespielt wird. In der Komödie, der alteingesessenen Boulevardbühne in der Nachbarschaft des Frankfurter Schauspiels. Von Stefan Michalzik

Der Berliner Dramatiker Moritz Rinke, am deutschsprachigen Stadttheater seit gut zehn Jahren hoch gehandelt und viel gespielt, ist ein Meister des dialogischen Schlagabtauschs, seine Komödien klappern flott - ohne sich darin zu erschöpfen.

,,Wir lieben und wissen nichts“, seine neueste Hervorbringung, die der Frankfurter Intendant Oliver Reese in den Kammerspielen zur Uraufführung gebracht hat, gehorcht den Gesetzen eines „well made plays“, eines gut gebauten Stücks. Und weist am Ende doch darüber hinaus, indem es eine Auflösung im klassischen Sinne verweigert. Zwei Paare, die wegen eines wechselseitigen beruflich motivierten Ortswechsels ihre Wohnungen tauschen wollen, treffen aufeinander; alle Beteiligten gehen auf die Vierziger-Schwelle zur Mitte des Lebens zu. Die Figuren haben sich in den Schlingen einer zeitgenössisch selbstreflexiven Individualisierung verfangen. Jeder lebt an jedem vorbei. Und am Leben. Am angestammten Partner sowieso. Paarhöllen der emotionalen wie sexuellen Frustration tun sich auf. Doch auch mit der Überschreibung der Goetheschen Wahlverwandtschaften, die sich abzuzeichnen scheint, soll es nichts werden.

Anspruchsvolle Paar-Komödie unter Reeses Regie

,,Wir hyperkommunizieren und kommen doch nicht zusammen“ könnte der Titel ebensogut lauten. Hannah, die Sozial- und Religionswissenschaften studiert hat – Claude De Demo – gibt Atem- und Entspannungsunterricht für Banker. Ihr Freund Sebastian, ein Kulturhistoriker mit Elfenbeinbunkermentalität, wettert dagegen an, weil er der Auffassung ist, dass sie den Verbrechern in den Banken auch noch hilft, ihr für die Gesellschaft ruinöses Treiben zu optimieren. Marc Oliver Schulze zeichnet einen intellektuellen Brillenträger, der jeder erdenklichen kulturpessimistischen These zugeneigt ist und sich in lakonisch-gallige Tiraden als Neurotiker von Woody-Allen’schen Gnaden hineinsteigert. Er interessiert sich für neue soziale Utopien in der Zeit des vermeintlich ,,sehr späten Spätkapitalismus“, derweil Hannah tatendurstig dem anstehenden beruflichen Erfolg zugetan ist.

Roman ist ein sich der Erkenntnis seines Scheiterns verweigernder Technokrat, er hat ein läppisch-unerlässliches Detail zur Ausrüstung eines Satelliten beigetragen – und steigert sich darüber in Allmachtsfantasien mit Blick auf eine Beglückung der unterentwickelten Hälfte der Welt mit dem Segen ,,nie dagewesener Downloadraten“. Oliver Kraushaar charakterisiert ihn mit wunderbaren kleinen mimisch-gestischen Details als kaltschnäuzig Nur-sich-und-sein-Ziel-Kenner. Magdalena, Romans Frau, - großartig: Constanze Becker - hat sich in eine eingespielte Praxis der Demütigung gefügt, unter dem Einfluss von gehörig viel Schampus aber sucht sie ein emotional-erotisches Verständnis bei Sebastian, derweil Roman bei Hannah die schnelle sexuelle Nummer wittert.

Eine geladene Pistole ist Teil der Turbulenzen. Die Pointen sind dicht gesetzt. Doch ungeachtet des Umstands, dass man eine runde Handvoll hätte gewinnbringend auslassen können, tritt hinter der schier aberwitzigen Komik die Tragik dieser Gefangenen ihres von einem üblen gesellschaftlichen Klima geprägten Selbsts zutage. Die Figuren sind typologisiert, sie bewegen sich an der Grenze zur Karikatur, verlieren sich aber nicht in einer klischeehaften Überzeichnung. Oliver Reese hat ein Geschick darin, den Schauspielern viel Luft in der Ausgestaltung ihrer Figuren zu lassen, gleichzeitig gewährleistet er eine Übersicht im Sinne einer straffen Dramaturgie. Text wie Aufführung heben den Realismus glückreich über sich selber hinaus.

Das ist Theater am Puls der Zeit, zugleich handelt es sich um einen radikalen Gegenentwurf zum sogenannten Diskurstheater Pollesch’scher Prägung. Süffig und leichtfüßig ist das, es schürft indes tief - wie jede gute Komödie. Ohne die Versöhnlichkeit eines glücklichen Endes.

Quelle: op-online.de

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