Tintenfisch auf Abenteuerreise

St. Johann in Österreich: Junge Frauen im Dirndl und junge Männer in Kniebundhose stehen vor einem Gebirgspanorama. Jeden Moment wird ein Lied angestimmt. Doch die Erwartung des Betrachters dieser idyllischen Filmsequenz, eine pathetische Ode an die Schönheit der Bergwelt zu hören, erfüllt sich nicht.

Stattdessen trägt der Schülerchor, begleitet von südamerikanischen Rhythmen, ein Loblied auf den Revolutionär Che Guevara vor. Das ruft erst Überraschung, dann Schmunzeln hervor.

„Goldegg, 24.6.2005“ von Helmut und Johanna Kandl ist in der Ausstellung „Experimenta Folklore“ im Frankfurter Kunstverein zu sehen. Das fünfminütige Video unterstreicht, dass gegensätzliche Traditionen eine Verschmelzung erfahren können, der trotz gewisser Ironie nichts Lächerliches anhaftet: Das ist „Cross Culture“ im besten Sinne.

Insgesamt 20 Künstler aus Europa, Amerika und Japan sind in der Gruppenausstellung vertreten. Einige Werke sind eigens dafür entstanden. Vor allem die bewegten Bilder bleiben im Gedächtnis. So etwa „Home 2“ von Olaf Breuning, der im dokumentarischen Selbstversuch Ethnotourismus persifliert und zeigt, dass eine organisierte Abenteuerreise durch abgelegene Gebiete dem Besuch eines Freizeitparks gleichkommen kann.

Ein weiteres gelungenes filmisches Werk stammt vom Japaner Shimabuku, der zwei Videos gegenüberstellt. Eins zeigt den Künstler, wie er einen Tintenfisch fängt und mit ihm eine abenteuerliche Reise unternimmt, um ihn an einem anderen Ort wieder ins Meer zu entlassen. Im zweiten sind die Protagonisten zwei brasilianische Straßenmusiker, die diese Oktopus-Odyssee in gesungenen Stegreif-Reimen nacherzählen.

Folklore hat viele Formen. Mythen, Traditionen, Bräuche gehören dazu, die sich in Kleidung und Alltagsgegenständen materialisieren, aber auch in Musik und Tanz. Eine Sammlung zeitgenössischer Volkskunst („Folk Archive“), die Skurrilitäten wie gestrickte Teekannenwärmer und dokumentarische Fotografien vereint, stammt von Jeremy Deller und Alan Kane. Instrumente fantasievoller Bauart zeigt die Berliner Honey-Suckle Company. Der Brite Andy Holden hat Vinylschallplatten zu Schalen gepresst und mit schlichten Mustern verziert, so dass sie an altertümliche Tongefäße erinnern. Es gibt viel zu entdecken! ANKE STEINFADT

„Experimenta Folklore“, bis 1. März im Frankfurter Kunstverein (Steinernes Haus am Römerberg): Dienstag bis Sonntag, 11 bis 19 Uhr

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare