„Pelléas et Mélisande“ an der Oper Frankfurt

Tödliches Liebesdrama

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Wie ein Puppenheim wirkt Schloss Allemonde, dessen Zimmer seelische Befindlichkeiten spiegeln.

Frankfurt - Als großbürgerliches Trauerspiel mit traumatischen Erschütterungen hat Claus Guth Debussys „Pelléas et Mélisande“ an der Oper Frankfurt inszeniert. Von Klaus Ackermann

In quälender Langsamkeit vollzieht sich das tödliche Liebesdrama dicht am permanent fließenden Klangstrom, den Friedemann Layer und das Opernhaus- und Museumsorchester spannend zu kanalisieren verstanden. Statt Arien und Belcanto-Akrobatik also ein dauerhaftes Rezitativ mit gelegentlich leidenschaftlichem Akzent: Der Beifall fiel eher höflich aus, obwohl die Helden erstaunliche darstellerische Profile zeigten.

Debussys Drame lyrique basiert auf dem Text des Symbolisten Maurice Maeterlinck. Ihr tragisches Schicksal erleiden die Liebenden – anders als ihre Seelenverwandten Tristan und Isolde (Wagner) – mit der Unschuld von Kindern, die traumwandlerisch eine grausame Realität durchleben: Im finsteren Walde trifft Golaud auf Mélisande, deren Herkunft unklar ist, die sich im Gefühlsengpass stets eine Zigarette anzündet. Während sinistre Gestalten die bedrohlichen Wendungen der Musik deutlich machen, nähert sich das Paar – im märchenhaften Sternenregen – nur langsam einander an.

Charakteristische Zwischenspiele

Wie bei Wagner führen charakteristische Zwischenspiele zur jeweiligen szenischen und emotionalen Station. Mit kleinteiligen Motiven, satten Nonenakkorden, angeschrägtem, gestopftem Blech und enormer rhythmischer Vielfalt, von Layer in aller Ruhe zelebriert. Wie ein Puppenheim wirkt Schloss Allemonde, keineswegs düster, sondern lichtdurchflutet, in das Golaud seine ihm nun angetraute Mélisande bringt. Im Salon des aufgestockten Bühnenbaus (Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt), dessen Zimmer simultan seelische Befindlichkeiten der Helden zeigen, herrscht Geneviève (Hilary Summers), immer darauf bedacht, in der sich entwickelnden gefühlsmäßigen Unordnung den bürgerlichen Schein zu wahren. Und ihrem Arkel, eher Unternehmer als König, treu ergeben.

Als leicht seniler Despot liefert Alfred Reiter mit stabiler Basslinie eine starke Studie, Mélisande mehr als schwiegerväterlich zugetan. Mittlerweile hat die Golaud-Ehefrau auch Pelléas in kindlicher Anmutung lieb. Wenn dieser sie zum Brunnen der Blinden – sein Zimmer – geleitet, verbindet er ihr die Augen, bespritzt ihre Füße mit Wasser – und den ungeliebten Ehering wirft Mélisande prompt aus dem Fenster.

Ein unterforderter Tenor

Dann scheint Guth die symbolistischen Steilvorlagen direkt weiterzuspielen, dessen Personenregie eindringliche Bühnencharaktere bewirkt. Wie etwa Golaud, Paul Gay gibt ihn als Choleriker par excellence, der liebt, leidet und mit seinem Bass so rücksichtslos umgeht wie mit seinem Sohn aus erster Ehe, den er auf die Liebenden angesetzt hat. David Jakob Schläger, der singt, piepst und sich an seinen Teddybären kuschelt, hat alle Sympathien.

Wie der stimmlich unterforderte Tenor Christian Gerhaher, als Pelléas angelegentlich mit ein paar schönen Tönen das stete Deklamieren durchbrechend. Für einen einzigen Kuss wird er von Golaud mit dem Kerzenständer erschlagen – danach haben alle einen kleinen Durchhänger. Auch die kapriziöse, geheimnisvolle Mélisande. Christiane Kargs Sopran ist liebevoll eingebettet in die beschwörenden Formeln Debussys. Schließlich verlässt sie wortlos das Haus, die entsetzte bürgerliche Fraktion fährt per Drehbühne aus dem Bild, während Mélisande mit ihrem Pelléas im finsteren Wald Händchen haltend auf Seelenwanderung geht. Natürlich im Sternenregen.

Quelle: op-online.de

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