Ein toller Hecht und seine Helden

Zwischen dem DFB-Gemetzel in der Frankfurter Commerzbank-Arena und Fußball-Anekdoten im Offenbacher Capitol, war der Auftritt des aus Kabarettpfaden wandelnden Sportreporters Waldemar Hartmann eindeutig die bessere Wahl. Von Jenny Westphal

Immerhin hatte man an manchen Stellen gut lachen, verbunden mit einem tiefreichenden Erkenntnisgewinn über das zwanghafte Band von Sportlern im Allgemeinen und Fußballern im Besonderen zum Gerstensaft.

Natürlich beginnend mit dem legendären Auftritt des Ex-Bundestrainers Rudi Völler, der Hartmann vor einem Millionenpublikum vorwarf, zu tief ins Weißbierglas geschaut zu haben. „Wir waren uns vorher und nachher nie gram“, behauptet Hartmann, „Duz-Maschine“ der ARD. Nicht verwunderlich, brachte die Völlersche Standpauke „Waldi“ einen Werbevertrag ein. Und endend bei einem verstockt zürnenden Uli Hoeneß, dem Mario Baslers von Gerstensaft gelöste Zunge missfallen hatte.

Eine gewisse Selbstironie lässt sich nicht absprechen

„Born to be Waldi“ – Kabarettprogramm und Buch – ist die Chronik von 30 Jahren in der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Eine gewisse Selbstironie lässt sich dem Sportmoderator nicht absprechen, der aber niemals so verräterisch aus dem Nähkästchen plaudert, dass er es sich ernsthaft mit einem der Weggefährten verdirbt. Dass Lothar Matthäus ein paar Englischlektionen dringend nötig hätte, ist nicht neu.

Lesen Sie außerdem das Interview mit Waldemar Hartmann.

Den bayerischen Übervater Franz Josef Strauß als Lehrmeister – auch für den neuen Außenminister Westerwelle – heranzuziehen, hat zumindest einen gewissen Unterhaltungswert. Wie auch die Bilder vom Tuba blasenden Wladimir Klitschko, der mit anderen Sportgrößen Waldi ein ganz privates Ständchen zum 60. Geburtstag darbrachte.

Wenig überraschend und langweilend vorhersehbar

An anderen Stellen ist Waldi langweilend vorhersehbar: Seine Frau klagt, dass er Fußball mehr liebe als sie. Wer hätte das gedacht? Wenig überraschend auch seine Bestenliste, angeführt vom Größten aller Zeiten: Muhammad Ali. Als der mittlerweile vom Kunstschnauzer befreite Hartmann jene anrührenden Bilder vom Parkinson geschüttelten Ali, der das olympische Feuer von Atlanta entzündet, auf die Leinwand werfen lässt, verfällt denn auch jeder im Publikum in stille Andacht. Doch diese Bewunderung wird noch übertroffen – von Waldis Heldenverehrung für Harald Schmidt, der seinem Programm den Feinschliff verpasst hat.

Tatsächlich spricht Waldi nicht nur über Fußball, er verteilt ein paar politische Alibi-Seitenhiebe und offenbart seine innigsten Träume: Er könnte sich eine Karriere jenseits des Sports vorstellen als Moderator einer Kochsendung, Traumschiff-Kapitän oder Chefarzt der Schwarzwaldiklinik. Der Zwickmühle eines Rückblicks auf die eigene Karriere, der Selbstbeweihräucherung, entkommt er nicht gänzlich: Da steht ein toller Hecht, der Anekdoten von berühmten Menschen und weniger berühmten Schiedsrichtern zu berichten weiß.

Quelle: op-online.de

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