Alvin Aileys American Dance Theater gibt nach sechs Jahren wieder eine gefeiertes Gastspiel in der Alten Oper

Tradition lebt von der Erneuerung

Frankfurt - . Legionen von Spezialisten haben sich über Generationen hinweg damit beschäftigt, wie die flüchtige Bühnenkunst des Tanzes für die Nachwelt erhalten werden kann, mit mehr oder weniger befriedigendem Ergebnis. Von Stefan Michalzik

Pina Bausch hat verfügt, dass ihre Choreografien nur einige Jahre nach ihrem Tod aufgeführt werden dürfen und ihre Compagnie dann aufgelöst wird; William Forsythe arbeitet an seiner „motion bank“, einer digitalen Konservierungsform. Das Alvin Ailey American Dance Theater aber tanzt einfach immer weiter.

1958, als der Choreograf und Tänzer Alvin Ailey, für den die frühe Begegnung mit Martha Graham prägend gewesen ist, die damals ausschließlich aus schwarzen Tänzern bestehende Truppe mit dem Ansinnen gründete, dem Modern Dance eine afroamerikanische Variante zu erschließen, ist das ein selbstbewusstes gesellschaftspolitisches Statement in den rassistisch geprägten USA gewesen. Heute ist Obama Präsident, in dieser Zeit indes durfte ein Louis Armstrong die weißen Klubs, in denen er aufgetreten ist nur durch den Lieferanteneingang betreten und Schwarze konnten nicht in weißen Compagnien tanzen.

Gerade hat das Alvin Ailey American Dance Theater, das nach sechs Jahren der Absenz in Deutschland derzeit für fünf Abende in der Frankfurter Alten Oper gastiert, einen personellen Wechsel hinter sich. Im Juli hat Robert Battle die künstlerische Leitung von der einstigen Primaballerina Judith Jamison übernommen, die Ailey vor seinem frühen Aids-Tod 1989 zur Fortführung seines Erbes eingesetzt hatte.

Mit der tänzerischen Avantgarde hatte Alvin Ailey nichts im Sinn. Da ging es vielmehr um eine knackig-attraktive Show, die ein breites Publikum anspricht, in einer Mischung aus viel Energie und nachdenklichen Momenten, gemäß Aileys Credo, der Tanz komme aus dem Volk und er wolle ihn ihm zurückgeben. Musterhaft dafür steht der auf das Jahr 1960 zurückgehende Klassiker „Revelations“, ohne den kaum ein Abend mit seiner Truppe auskommt. In so drallen wie ungetrübten Bildern breitet Ailey auf der Basis von Gospelsongs ein Panorama des schwarzen Südens und seiner Spiritualität aus. Eine nostalgische Welt – damals wie heute.

Judith Jamisons in Gemeinschaftsarbeit mit Robert Battle und Rennie Harris entstandenes Eröffnungsstück „Love Stories“ von 2004 zur Musik von Stevie Wonder überführt die Ailey-Ästhetik in das Zeitalter von HipHop und House – und bietet in seiner turbulenten Buntheit Kaugummi für’s Auge.

In seiner formstrengen Choreografie „The Hunt“ von 2001 reflektiert Robert Battle in einer für Ailey-Verhältnisse ungewöhnlich direkten Weise den menschlichen Zug der Aggressivität. Zur Musik des französischen Trommelensembles Les Tambours du Bronx beschwört er mit sechs Tänzern in einer modernen Variante von japanischen Hakama-Hosenröcken das archaische Motiv der Jagd in ritualhaften Kreisarrangements. Im kurzen Solo „Takademe“ von 1999 mit dem Tänzer Antonio Douthit zur Vokalperkussion von Sheila Chandra zerlegt Battle die Texturen des indischen Kathaktanzes.

Dieser am ersten Tag mit stehenden Ovationen gefeierte Antrittsbesuch lässt erkennen, dass Robert Battle weiß: Auch im Falle des Alvin Ailey American Dance Theater ist die Erneuerung der Schlüssel zur Bewahrung der Tradition. Reine Musealität würde auf lange Sicht den Tod bedeuten.

Quelle: op-online.de

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