Träume und Traumata

+
Das Musical „Schneewittchen“ ist bei den Hanauer Festspielen auch eine Geschichte übers Erwachsenwerden. In der Hauptrolle glänzt Julia Steingaß.

Hanau - Stiefmütter sind böse. Zumindest im Märchen. Nicht so jedoch bei der „Schneewittchen“-Inszenierung, mit der die 26. Brüder-Grimm-Festspiele im Hanauer Amphitheater eröffnet wurden. Von Christian Spindler

Lesen Sie dazu außerdem:

Die Kraft der Märchen

Böse ist die Königin (Nadine Hammer) nur in der Welt von Schneewittchen, einer Welt aus Träumen und bisweilen auch Traumata, in die das Mädchen eintaucht, das so temperamentvoll ist, so zickig, so unverstanden, so gefühlvoll und das partout nicht erwachsen werden will. Die Musical-Inszenierung zum Auftakt des neunwöchigen Festivals hält sich nah am Original, kommt gleichzeitig aber modern und pfiffig erzählt daher. Der junge Musical-Autor Kevin Schroeder („Der Schuh des Manitu“), der erstmals in Hanau tätig ist, hat Sprech- und Liedtexte geschrieben, die in lyrischen Momenten anrührend, aber nie rührselig sind; in heiteren Passagen auch mal kalauern, aber nie platt wirken. Und Komponist Alexander S. Bermange, der Anleihen bei Rock, Soul und Balladen nimmt, beschert dem Stück eingängige Melodien, von denen etliche Ohrwurm-Charakter besitzen.

Das Ensemble wartet mit beeindruckenden schauspielerischen und gesanglichen Leistungen auf. Herausragend Hauptdarstellerin Julia Steingaß, die stimmlich und durch bemerkenswerte Bühnenpräsenz begeistert. Die junge Mimin, die unter anderem im Berliner Friedrichstadtpalast auftrat, spielt Schneewittchen nicht nur mit scheinbar müheloser Selbstverständlichkeit, nein, sie ist es.

Das Musical beeindruckt auch durch starke Bilder, originelle Regieeinfälle und atmosphärisch dichte Choreografie – für beides zeichnet Marc Urquhart verantwortlich – sowie durch fantasievolle Kostüme (Ulla Röhrs). Da tanzen bedrohlich große Bäume, da wird der König (gesanglich stark: Hartmut Schröder) zum Spiegel an der Wand, da hält Prinz Leonidas (Friedrich Rau) mit den sieben Zwergen ein Zechgelage, das für einige Momente augenzwinkernd bayerische Bierseligkeit verbreitet.

Die nächsten Aufführungen sind ab 9. Juni zu sehen.

Ach ja, die Zwerge: Die Hanauer Märchen-Macher haben sich bei ihnen ebenso fantasievoll ausgetobt wie die sieben Darsteller auf der Bühne. Ob als Flieger-Zwerg in der Hängematte, Kosake oder Chefplaner: Die sieben Darsteller, die die Zahl sieben beschwören, auch mal rappend über die Bühne fegen und musikalisch sogar einen Fuß auf die sieben Brücken von Karat setzen, sprühen vor Spielwitz – allen voran der köstlich komische Hippie-Zwerg (Pierre Humphrey).

Lediglich im zweiten Teil hat das Musical kurzzeitig erzählerische Längen, gegen die Autor und Regisseur unerwartete Bilder setzen: eine orientalische Theatergruppe und Menschen-Marionetten.

„Schneewittchen“ beschert den Zuschauern zwei Stunden höchst unterhaltsames Musiktheater und gehört zu den besten Musical-Inszenierungen der vergangenen Jahre bei den Hanauer Brüder-Grimm-Festspielen.

Quelle: op-online.de

Kommentare