Tragödie des Entscheidens

Dramatische Episoden rund um die verbotene Liebe im Schauspiel Frankfurt

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Torben Kessler, Franziska Junge und Mario Fuchs im Stück „Dekalog - die zehn Gebote“.

Frankfurt - Das Stück „Dekalog - die zehn Gebote“ von Regisseur Christopher Rüping im Schauspiel Frankfurt zeigt über drei Stunden lang, wie Menschen Entscheidungen treffen, die sich manchmal als falsch herausstellen. Die Zuschauer können mit abstimmen. Von Christina Lenz

Schon oft hat die Moderne den „Tod der Tragödie“ verkündet. Wo es keine verbindlichen Vorstellungen und Regeln mehr gibt, wo alles verhandelbar und relativ geworden ist, so die These, hat Tragik wenig Chance. Mit dem Stück „Dekalog“ von Christopher Rüping kehrt die Tragödie augenblickshaft zurück. Angelehnt an die zehnteilige Filmreihe nach den polnischen Machern Krysztof Kieslowski und Krysztof Piesiewicz zeigt sich immer wieder ein Schlüsselelement der griechischen Tragödie: die falsche Entscheidung.

Die zehn Geschichten auf der Kammerspiel-Bühne sind dramatische Episoden rund um Ehebruch, Mord und verbotene Liebe. In fast allen Geschichten gibt es einen Moment, in dem das Glück plötzlich und scheinbar ohne Zutun in Unglück umschlägt. Lose sind sie an die christlichen zehn Gebote angelehnt. Ihr Bruch erscheint aber nicht immer als die unethischere Wahl.

Moralvorstellungen per Abstimmungsgerät

Das Besondere an dem Fortgang der Handlungsstränge an diesem Abend: die Zuschauer bringen ihre eigenen Moralvorstellungen per Abstimmungsgerät mit ein. Jeder im Saal kann das Geschehen an bestimmten Stellen durch einen Fingertipp beeinflussen.

Da ist beispielsweise ein Chefarzt, der durch eine medizinische Lüge ein ungeborenes Kind retten kann. Soll er lügen? Oder ein Vater, der seine Familie am Weihnachtsabend alleine lässt, um seiner Geliebten zu helfen? Soll er zu seiner Familie zurückkehren? Und da ist der 19-jährige Janek, der die zehn Jahre ältere Magda durch ein Fernglas in der Nachbarwohnung beobachtet. Wie soll die Frau reagieren, als der junge Mann ihr seine Leidenschaft gesteht? Soll sie sein Angebot zum Kennenlernen annehmen oder ablehnen? In diesem Fall entscheiden die Zuschauer ziemlich einstimmig: Annehmen. Was sich jedoch dann entwickelt, hätte wohl niemand von ihnen geahnt. Als Magda den jungen Mann in ihre Philosophie der rein körperlichen Liebe einführt, nimmt sich dieser, verwirrt und beschämt, das Leben. Die Tragik des Entscheidens hat voll zugeschlagen.

Hochhaussiedlung in Warschau

Alle Geschichten spielen in einer Hochhaussiedlung in Warschau unter Menschen, deren Geheimnisse und Abgründe in jeder Mittelschicht weltweit zu Hause sein könnten. Die Schauspieler Franziska Junge, Wiebke Mollenhauer, Mario Fuchs, Torben Kessler und Felix von Manteuffel spielen die emotionalen Szenen und psychologisch ausgearbeiteten Charaktere in einer zeitlosen, grau-beigen Kleidung. Auch die Bühne bleibt karg. Es entsteht eine gezielte Versuchsanordnung zur Erkundung von Ethik und Moral.

Doch trotz der vielen Morde, Selbstmorde und gebrochenen Herzen, die den Fortgang dieses Theaterabends pflastern, bleibt die Tragik oft stecken zwischen Spiel und Ernst. Nächste Aufführungen: 20. und 21. Januar.

Quelle: op-online.de

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