Traumhäuschen und Stadtwelt

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Haus-Objekt von Gunter Wagner.

Offenbach - Dem „Gehäuse“ der Menschen widmen sich in Offenbachs BOK-Galerie 13 die Zeichnerin und Trickfilmerin Leonore Poth und Kunstpoet Gunter Wagner mit Charme und Witz. Von Reinhold Gries

Während Poths Pastelllinien Frankfurter Stadtlandschaften fast minimalistisch auf den Punkt bringen, verschlüsseln Wagners archetypische Satteldachhaus-Objekte die Frage der Behaustheit plastisch.

Frankfurter Stadtlandschaft von Leonore Poth.

Man spürt es auch bei Wagner: Das „My home is my castle“ steht nicht nur für den bergenden Schutzort. Selbst ein idyllisches kleines Häuschen kann schnell zum Gefängnis werden, in dem kriselnde Partnerschaften oder Familienverhältnisse vor sich hinbrodeln. Vordergründig wirkt das freilich bezaubernd, was der gebürtige Wanfrieder aus Styroporkernen und Bambusgerüst, Gips und Glaskugeln gebaut, auf (Beton-)Sockel gesetzt, eingefärbt und mit Wachs versiegelt hat. In meist fensterlosen Modellen mit typischem Schornstein findet er überraschende, oft märchenhafte Metaphern. „In den Spiegeln schläft der Traum“ nennt er ein verspiegeltes Gehäuse mit aus dem Kamin wachsender blauer Glaswolke. In „Com Fome“ serviert er ein Gipshäuschen auf roter Wolke mit Plastikgabel wie ein Tortenstück, in „hausbaumbaum“ balancieren vier aufeinandergesetzte Häuschen wie bei einer waghalsigen Zirkusnummer. Aus dem Schornstein des Modells „Farol“ windet sich eine Rauchwolke aus gewachstem Pergament wie eine Zuckerbäckerspirale, aus Haus „messerscherelicht“ ragt eine Plastikgabel auf. Es ist schon eine ganz eigene Kollektion, die Wagner da aufgelegt hat. Traumhäuschen, in keinem Verkaufskatalog zu finden und nur in der Phantasie bewohnbar. So auch sein wie von Frau Holle gefedertes „Frau Welt“ oder auch das rot gewachste Waffel-Knusperhaus. Vorbereitet hat er dieses Schlaraffenland bereits in den neunziger Jahren per Mal- und Zeichenserie: paarig, im Trio oder Quartett, gekreuzt, verspiegelt, getürmt, gebogen und auf den Kopf gestellt.

Mit wenigen farbigen Pastellstrichen

Poths Stadtlandschaften bilden dazu mehr als die passende Wandkulisse. Bei manchen ihrer kargen „Weltkürzel“, erinnert man sich an Picasso, der sich einst als Kritzler verachten lassen musste, bevor die Genialität seiner Chiffren zum Allgemeingut wurde. Auch Poth gelingt es mit wenigen farbigen Pastellstrichen und Schraffuren, Linienknäueln und verwischten Farbwolken eine ganze (Stadt-)Welt zu erfassen. Überflüssiges Dekor verbannt sie dabei konsequent, vergisst aber in Sujets wie „Flug über den Main“, „Roter Kran“, „Bahnunterführung“, „Sophienstraße 1-3“ und „Bankenzentrale“ nicht, das Dazwischen. Was in den Schluchten zwischen vertikal und horizontal schraffierten oder vergittert wirkenden Hochhaustürmen nicht so repräsentativ wirkt: den blauen Glascontainer mit drei Einwurflöchern, Satellitenschüsseln, Straßenlaternen und Oberleitungen, Kabelbrücken und Regenfallrohre.

In ihren Stadträumen herrscht keine drangvolle Enge, sie lässt Luft zum Atmen, während ein dicker Brummer über dem Main schwebt. Dazu kommt beim Anblick von Bockenheimer Fassaden und Dachlandschaften vor phallusartigem Messeturm, beim Fernblick zwischen Bankgebäuden hindurch zum Taunus oder beim Nahblick über Oberräder Gartenfelder zum Henninger-Turm Heimatgefühl auf. Jedoch ist das, was Poth und Wagner anbieten, alles andere als Sightseeing oder gar „Heimatkunst“.

„Gehäuse- Leonore Poth und Gunter Wagner“ ist bis 1. April in der BOK Galerie Salon 13 zu sehen. Öffnungszeiten: Mi und So 15 - 18 Uhr, sowie nach Vereinbarung, Infos: www.bok-of.de

Quelle: op-online.de

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