Triumph der Tragödie

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Schwer meint es das Schicksal mit Ödipus (Marc Oliver Schulze) und Iokaste (Constanze Becker).

Blutgesudel, magisch-radikale Klassiker-Reduktion aufs Wesentliche, sich verausgabende Schauspieler: Das Sophokles-Doppel „Ödipus/Antigone“, im Schauspiel Frankfurt als Premiere, ist ein klassisches Beispiel für die Regiearbeit Michael Thalheimers. Von Inga Radel

800 Zuschauer im ausverkauften Großen Haus umjubelten die eindringliche dreieinhalbstündige Inszenierung des antiken Tragödienstoffs. Für das zuletzt nicht immer verwöhnte Frankfurter Publikum war’s ein verheißungsvoller Auftakt zur neuen Saison. Und für Oliver Reese ein vielversprechender Beginn seiner Intendanz.

Großartig die Hauptdarsteller Constanze Becker und Marc Oliver Schulze. Becker, von der Zeitschrift „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres 2008 gekürt, fasziniert in ihrer brutal-nüchternen Art in den Rollen der Ödipus- Mutter und -Geliebten Iokaste und der Antigone. Wenn Iokaste realisiert, dass Ödipus ihr Sohn und der Mörder seines Vaters ist, greift sie sich stumm leidend in den Schritt und an die Brust – und fesselt mit ihrer Verzweiflung den ganzen Saal.

Aufführungen: „Ödipus/Antigone“ 3., 24. Oktober; „Ödipus“ 4., 15., 23. Oktober; „Antigone“ 8., 21. Oktober

Noch intensiver durchleidet Schulze als Ödipus und Kreon mit emotionaler Zerrissenheit sondergleichen alle Qualen, die ihm das Schicksal aufbürdet. Höhepunkt ist die Schlussszene in „Ödipus“, nachdem er sich die Augen ausgestochen hat. Zunächst trägt er noch eine braune Papiertüte mit Mund- und Augenschlitzen auf dem Kopf, dann zieht er sie ab. Grauenhaft blutverschmiert sind Gesicht und Oberkörper, fett schwarz die Augenhöhlen. Klar ist: Frankfurt hat einen neuen Theaterstar.

40-köpfiger Chor auf der Bühne

Die Tüten, Analogie zu den Masken im antiken Theater, die den Rollen das Individuelle nehmen, fehlen in der „Antigone“. Dafür tauchen andere typische Thalheimer-Elemente auf: Zu Beginn blicken die Schwestern Ismene (Bettina Hoppe) und Antigone minutenlang wortlos ins Publikum. Variantenreicher ist die Sprache, wenn der Wächter (Oliver Kraushaar) im temporeichen Stakkato-Stil nicht ohne Komik Bericht erstattet.

Dem riesigen Raum wird Thalheimer gerecht, indem er einen 40-köpfigen Chor auf die Bühne stellt. Dieser kann das Volk Thebens stimmgewaltig bis ins Mark verkörpern, aber auch gruselig flüstern. Zu laut sind leider die Toneffekte ausgefallen.

Faszinierend brachial in seiner Reduktion ist Olaf Altmanns Kulisse: Die eigentliche Bühne ist mit zwei schwarzen Schiebe-Elementen meist verschlossen. Gespielt wird auf der einen Meter breiten Vorderkante. In „Antigone“ sind die Elemente geöffnet; in einiger Höhe steht aneinandergereiht der Chor in gleißendem Licht – eine gigantische Ästhetik.

„Ödipus“ und „Antigone“, die mit einer Pause aufeinander folgen, werden künftig auch einzeln gespielt. Vor allem der „Ödipus“ hat das Potenzial dazu, ein Thalheimer-Kultstück zu werden!

Quelle: op-online.de

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