Trunkener Text ganz nüchtern

Literatur und Alkohol: Das darf am Schauspiel Frankfurt als brisante Mischung gelten, seit Ensemblemitglied Marc Oliver Schulze nach wodkahaltiger Lesung eines Textes von Wenedikt Jerofejew im Januar in die Klinik gekommen ist. Von Markus Terharn

Ein whiskeyfreudiger Flann-O’Brien-Abend hat darauf kürzlich lustvoll angespielt. Wer jetzt in Erwartung eines neuerlichen Gelages die Box aufgesucht hat, wird angenehm enttäuscht: Obwohl Schauspieler Oliver Kraushaar einen echten Hochprozenter deutscher Prosa ausgewählt hat, bleiben Weiß- und Rotwein, Rum und Cognac, wo sie hingehören – im Text.

In „Die Legende vom heiligen Trinker“ hat sich der jüdisch-österreichische Autor Joseph Roth mit seiner Sucht auseinandergesetzt. Zum Mythos passt, dass der 44-Jährige noch im Erscheinungsjahr, 1939, im Pariser Exil einer Lungenentzündung erlegen ist, wozu plötzlicher Entzug beigetragen haben soll.

Die Novelle verrät innige Vertrautheit mit dem Handeln von Gewohnheitssäufern. Ihr Held, der Pariser Obdachlose Andreas, zeigt guten Willen, ist jedoch von unverbesserlicher Saumseligkeit. Ein ums andere Mal verpasst er seine „Verabredung“ mit der heiligen Therese von Lisieux, deren Statue in der Kapelle Ste Marie des Batignolles er 200 Francs bringen soll, die ein Unbekannter ihm dafür gelassen hat. Immer wieder spülen Zufälle ihm Geld in die Hand, das ihm ebenso rasch durch die Finger rinnt. Am Ende stirbt er in der Sakristei, begleitet vom Wunsch des Erzählers: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod.“

Die Verwahrlosung dieses Protagonisten steht in reizvollem Kontrast zu Kraushaars gepflegter Erscheinung in Anzug und Fliege. Seine Stimme ist sanft und tief, sein Vortrag leise und ohne Effekthascherei. Dass er in der Aussprache des Französischen charmant unberaten ist, tut der Wirkung keinen Abbruch. Sparsam nippt er Wasser aus dem Bierglas und gönnt sich erst zum langen Schlussbeifall ein paar Schlucke von etwas, das nach Pernod aussieht ...

Quelle: op-online.de

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